Mittwoch, 12. September 2012

The Graduate oder die Flucht aus der Plastikwelt

What about your future? I want it to be... different.
Ben Braddock ist 21 Jahre alt. Er hat einen ausgezeichneten College-Abschluss in der Tasche und sein Weg scheint vorgezeichnet: Er wird ein Studium an einer hoch gehandelten Universität ebenso glanzvoll absolvieren wie das College. Oder aber er tritt direkt in die Geschäftswelt ein, die ihm dank den Beziehungen seines Vaters den roten Teppich ausgerollt hat.

Auf jeden Fall wird er die Erwartungen seiner reichen Eltern erfüllen. Im Moment aber rollt Ben Braddock auf einer Rolltreppe, die keine Treppe ist, weil sie nur flach ist und keine Steigung bewältigt. Er soll von seinen Eltern am Flughafen abgeholt werden. Dazu erklingt eine Melodie, welche sich ins Gedenkbuch der amerikanischen Musik eingravieren wird, mit einem Text, der von Leuten spricht, die zwar hören, aber nicht zuhören, die reden, aber nichts zu sagen haben.



Der Mann, der Ben Braddock verkörpert, heisst Dustin Hoffman. Er zu dieser Zeit ein weitgehend unbekannter Schauspieler. Die Rolle des Ben Braddock wird ihn unwiderruflich in den Olymp der Hollywood'schen Schauspielergilde katapultieren. Dass er im Jahr des Herrn 1967 nicht 21, sondern schon 30 Jahre alt ist, verraten jene Szenen, in denen man ihn mit muskulösem nacktem Oberkörper im Hotelbett und am Swimmingpool sieht.

Doch zurück zu Ben Braddock. Auf der Party, welche die Eltern für ihr Hätschelkind ausrichten, und an welcher nur Freunde und Geschäftspartner der Eltern anwesend sind, wird Bens Widerstand gegen die in ihn gesteckten Erwartungen erstmals sichtbar. Diese Erwartungen bewegen sich nämlich innerhalb eines Wertesystems, das normal erscheint, aber absurd ist, weil es nicht um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht.

Dem Film gelingt es, die Hohlheit dieser Welt (talking without speaking, hearing without listening) geschickt zu entlarven, etwa in der berühmten One-Word-Plastics-Szene: Ben wird von einem der anwesenden Geschäftsmänner angesprochen und ihm wird auch gleich eine besondere Weisheit versprochen. Wer nach der melodramatischen Einleitung erwartet, jetzt käme eine Art väterlicher Rat zu den wirklich wichtigen Themen im Leben, wird wie Ben enttäuscht: Die Antwort lautet Plastik und ist nichts weiter als der Tipp, in die Plastikbranche einzusteigen.



Den Lobeshymnen, die über seine Zeit am College ausgeschüttet werden, entflieht er in sein Zimmer. In seiner Verweigerung, einen der ihm vorgegebenen Wege zu beschreiten, wird er zu einem Sinnbild der 68-er Generation. Auf die Frage seiner Eltern, wie er sich sein zukünftiges Leben denn vorstelle, hat er nur eine Antwort parat: different. Will sagen: nicht so wie eures.

Geniales Mienenspiel: Dustin Hofman erstürmt
den Schauspieler-Olymp
Nun konnte man auch 1967 in Hollywood nicht einen Film drehen, der sich lediglich um Verweigerungungshaltung und Gesellschaftskritik dreht. Darum musste eine Liebesgeschichte her. Und Sex.

Deshalb: Auftritt Mrs. Robinson. Sie ist wie viele andere Gast auf der Ben-Braddock-Party und spürt den sexuell unerfahrenen Ben (damals war man mit 21 noch sexuell unerfahren, those were the days!) in seinem Zimmer auf, überredet ihn, sie mit seinem neuen roten Flitzer nach Hause zu fahren und bietet sich ihm daselbst nackt zwecks Sammeln einschlägiger Erfahrungen an.

Natürlich dauert es nicht lange, bis Ben sich bei ihr meldet. So beginnt er seine Affaire mit der erfahrenen älteren Frau und tritt in ein Doppelleben ein, das ihn zwischen Elternhaus und Hotelzimmer hin und her switchen lässt.

Doch auch gegenüber Mrs. Robinson wird Ben aufmüpfig. Sex ist ihm nicht genug, er will reden, ist neugierig, stellt unangenehme Fragen, welche die schiere Verzweiflung hinter der Figur der Mrs. Robinson durchschimmern lassen.

Schiere Verzweiflung. Mrs. Robinson wird von
 ihrem jugendlichen Liebhaber
zur Lebensbilanz gezwungen.
Von seinen Eltern gedrängt, willigt Ben ein, Elaine Robinson, die Tochter seiner Liebhaberin, auszuführen. Damit setzt er sich über den Willen der Mutter Robinson hinweg.

Als Ben und Elaine sich ineinander verlieben, deckt sie ihre Affaire auf und stellt sie als Vergewaltigung dar. Elaine geht zurück an die Universität in Berkley und es steht auch schon ein stromlinienförmiger, genehmer Verehrer bereit, um sie zu heiraten.

Ben verlässt sein Elternhaus, um Elaine nach Berkley zu folgen. Und dazu erklingt die Melodie des englischen Traditionals Scarborough Fair, engelsgleich gesungen von Paul Simon und Art Garfunkel (zu den beiden guckst du auch hier und hier). Und weil Musik und Bilder so unglaublich schön sind.....



Die Schlussszene ist legendär. Ben findet heraus, wo die Hochzeit stattfinden soll. Zwar kommt er zu spät, die Jaworte sind gesprochen. Doch seinen verzweifelten Rufen (Ileeeiiiiiin!) antwortet Elaine schliesslich mit einem gellenden Bääääään!! Die beiden flüchten aus der Kirche und erwischen einen Bus, der sie vor der aufgebrachten Hochzeitsgesellschaft in Sicherheit bringt.


Und da sitzen sie nun, Ben und Elaine. Zuerst ist da die diebische Freude über den Coup, über den Mut, über das Gefühl, dem Gefängnis der Konventionen gerade noch entkommen zu sein. Doch dann folgt der grossartigste Moment im Film, der so viele grossartige Momente hat: die Ernsthaftigkeit kommt über die beiden.

Man fragt sich als Zuschauer unwillkürlich: Was kommt jetzt? Was haben Ben und Elaine den Konventionen entgegenzusetzen? Wird ihnen ein glückliches Leben gelingen? Werden sie das erträumte Leben haben, in welchem es um das geht, worauf es wirklich ankommt, anders als im Leben ihrer Eltern? Wissen sie überhaupt, was das sein könnte, das, worauf es wirklich ankommt? Oder holt sie die Plastikwelt, vor der sie sich zunächst erfolgreich im Fond eines Greyhounds in Sicherheit gebracht haben, irgendwann wieder ein?

3 Kommentare:

  1. Danke Verdita! Auch das Schreiben war ein Genuss.

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  2. Ein sehr schönes Post über einen grossartigen Film! Die Schlussszene ist umwerfend. Diese Symbolik mit dem Kreuz, die Kameraführung, die Mimik in den Gesichtern der Darsteller, die musikalische Untermalung und nicht zuletzt das überraschende Ende... schlicht genial. Man wartet auf den erlösenden Kuss, der nicht stattfindet. Das wäre zu billig gewesen. Aber es ist der Sieg der Liebe über die Konventionen eines bürgerlichen Lebens! Wunderbar.

    Das ist also einer der drei Filme, die dein Leben geprägt haben. Weshalb und inwiefern? Erzähl!

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    1. Liebe Nemesisia

      Alles zu seiner Zeit. Ich denke, ich werde eine Art Zusammenzug der drei Filme schreiben und dann darauf eingehen, was sie mit mir - oder vielleicht mit uns allen oder einigen von uns - zu tun haben.

      Auf den Gedanken, dass Ben und Elaine sich im Bus küssen könnten, bin ich noch gar nie gekommen, so abwegig billig - wie du richtig feststellst - wäre das gewesen. Es hätte am Ende noch den ganzen Film zerstört.

      Wie in meinem Post erwähnt lese ich das Ende etwas anders als du. Das Ende legt in meiner Lesart Zweifel nahe, ob es den beiden wirklich gelingt, den Konventionen zu entkommen. Dustin Hofmann hatte sogar Ideen für ein Sequel, in welchem Ben mit der Freundin seines Sohnes eine Affaire beginnt und so zur Mrs.Robinson wird. Und Anne Bancroft würde als gealterte Schwiegermutter und Grossmama Robinson die Familie ab und zu besuchen.

      Daraus wird leider nichts mehr, da Anne Bancroft 2005 gestorben ist. Und vielleicht ist es sogar besser, Elaine Robinson im Hochzeitskleid und Ben Braddock verschwitzt vom Rennen für immer im Bus sitzten zu lassen.

      Danke für dein Interesse und deinen Kommentar! Sowas motiviert für den Schlussspurt.

      Herzlich

      Castorp

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