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| The Queen is gone but not forgotten |
Ich hatte einen Tag frei genommen, da ich für meine momentane Weiterbildung eine mittlere Arbeit als Leistungsnachweis zu schreiben habe. So richtig mit Forschungsfrage, Sekundärliteratur, Herleitung von Theorie....
Die Kinder waren in der Schule und ich schrieb an der Einleitung, las die auf dem Esstisch gestapelten Bücher quer und habe Satz um Satz - wie wir in der Schweiz uns auszudrücken pflegen - "iitöggelet". Mögen Landsleute eine adäquate hochdeutsche Übersetzung dafür liefern. Auf jeden Fall fühlte es sich an, wie back in the old days.
Und, wie wir ebenfalls in der Schweiz sagen: Äs hät gfägt. Es grenzte schon fast an einen Jungbrunnen. Na ja... fast. Und wie der Zufall es wollte, bin ich letzte Woche am Kiosk auch noch auf eine Zeitschrift aufmerksam geworden, die konkrete Themen aus philosophischer Sicht beleuchtet: Hohe Luft (http://www.hoheluft-magazin.de), nennt sich die Publikation etwas elitär, doch einer philosophischen Annäherung zum Thema Was ist guter Sex? konnte ich in meinem aufkeimenden akademischen Eifer unmöglich widerstehen.
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| Unwiderstehlich |
Doch zurück zur hohen Luft: Die Auslegeordnung sieht folgendermassen aus: Traditionellerweise leben Paare ihre Sexualität exklusiv, zumindest haben sie den gegenseitigen und oft als selbstverständlich empfundenen Anspruch, dies zu tun.
Doch wie kommt es zu diesem Anspruch? Einem Anspruch auf Monogamie in Zeiten, in denen Kondome in jedem Supermarkt greifbar sind. In Zeiten, in denen wir uns also wirkungsvoll vor ungewollten Schwangerschaften und weiterem Ungemach in Form von sexuell übertragbaren Krankheiten schützen können. Wird uns durch diesen Anspruch nicht schlicht und ergreifend eine ganze Menge Spass vorenthalten? Müsste man doch meinen, oder nicht?
Nun, die traditionelle monogame Beziehungsform fusst auf zwei Annahmen:
1. Sexualität ist eine Ausdrucksform der Liebe.
2. Liebe ist exklusiv (= schliesst Dritte aus).
Aus diesen beiden Prämissen folgt der Schluss:
Logische Folge: Sexualität ist exklusiv.
Man muss vielleicht hinzufügen, dass der Begriff der Liebe hier eng gesehen werden muss. Er meint selbstverständlich nicht die Liebe, die man zu den eigenen Kindern hat, die aus der gemeinsamen Sexualität entstanden sind. Auch nicht die Liebe zu Geschwistern, Eltern oder zum Haustier. Auch nicht die Liebe zur Heimatstadt, zur Natur oder zum allerliebsten Fussballverein (diese Liebesbeziehung durchlebt in meinem Fall seit zwei Jahren eine verdammt harte Zeit). Nein, die erotische Liebe ist gemeint, die in einer Lebensgemeinschaft von zwei Personen stattfindet.
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| Blueprint der exklusiven romantischen Liebe: Romeo und Julia beim Stelldichein auf dem Balkon. |
1a. Wäre Sexualität n i c h t ausschliesslich eine Ausdrucksform der Liebe, sondern eine von vielen Interaktionen, wie sie im Rahmen von - sagen wir - Sympathie, Freundschaft und ähnlichem üblich ist, dann müsste man in der Tat in Frage stellen, warum feste Partner einander nicht auch Sexualität mit anderen Personen gönnen. Schliesslich haben gut funktionierende Paare ja auch Bereiche, die sie nicht (ausschliesslich) mit ihrem Liebespartner teilen (Fussballspiele schauen, im Chor mitsingen, sich mit Freunden zum Bier treffen, zusammen Essen gehen, usw.).
2a. Wäre aber die Liebe selbst nicht exklusiv, dann wäre zwar Sexualität immer noch zwingend an Liebe gebunden, doch diese Liebe würde sich nicht auf eine Person beschränken. Die Liebe - immer im oben genannten Sinn - wäre dann eine Art unerschöpfliches Reservoir an Gefühl. Wir könnten also Liebe für mehrere Personen empfinden, ohne dass die Liebe zur Einzelperson quantitativ (auch qualitativ?) abnimmt.
Grübel, Grübel und studier.... wie es in einem anderen Lied heisst.



Kürzlich in einer ähnlichen Diskussion aufgeschnappt: Die (erotische) Liebe wird nicht weniger, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - sie multipliziert sich! Stichwort Polyamory.
AntwortenLöschenIch plädiere dafür, dass die Liebe ein unerschöpfliches Reservoir an Gefühl ist. Sie wird nicht kleiner, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - im Gegenteil. Ob man für alle gleichermassen sexuelles Begehren empfindet und ob man dieses ausleben will, soll oder darf, steht auf einem anderen Blatt.
Die Polyamoren haben aber mehr als nur ein Problem: Liebe ist nicht etwas, was sich aus dem Nichts entwickelt und dann einfach so automatisch bleibt. Liebe nährt sich aus einem Treibstoff, der durchaus nicht unerschöpflich ist: Zeit.
AntwortenLöschenZwar bieten uns moderne Kommunikationsmittel heutzutage die Gelegenheit, Zeit auch virtuell mit einem Partner zu verbringen. Insofern sind wir flexibler geworden. Doch eine Kurznachricht zu schreiben oder einen Blogkommentar zu kommentieren, das braucht auch Zeit. Es ist die Zeit, in welcher man sich einem anderen Liebespartner zuwendet, und sich gleichzeitig von einem anderen abwendet. Bedenkt man, dass der andere Liebespartner seinerseits anderweitig Zeit investiert, bleibt unter dem Strich bald einmal zu wenig Zeit, um die Liebe mittel- oder langfristig am Leben zu erhalten. Das Phänomen, dass Lebenswelten zu sehr auseinanderdriften, erleben natürlich auch sehr viele Paare, die nicht polyamor leben, zum Beispiel, wenn Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit ungleich aufgeteilt sind. Die so verursachten Scheidungsraten sind selbsterklärend.
Zweitens kann nicht ausbleiben, dass auch in polyamoren Beziehungen eine Verbindung die Hauptbeziehung ist. Damit meine ich noch nicht einmal die gesetzlich verordnete Tatsache, dass ich nur mit einer Frau verheiratet sein kann. Es stellt sich auch die Frage, mit welcher Frau ich einen Wohnsitz teile und mit welcher Frau ich Kinder habe (die nota bene ihrerseits Zeit in Anspruch nehmen). Es findet also automatisch eine Hierarchisierung der verschiedenen Beziehungen statt. Und das ist zwar vielleicht noch halbwegs lustig, wenn ich mir selber überlege, welche Frau nun meine Hauptfrau werden soll. Weniger lustig ist es dann, wenn meine eigene Position als Hauptmann zur Disposition steht.
Drittens: Schon aus den oben genannten Zeitgründen müssen sich auch die Polyamoren auf eine überschaubare Anzahl von Liebesbeziehungen beschränken. Und Beschränkungen sind ja gerade das, was man mit der Polyamorie ja überwinden wollte. Wie viele Partner sind denn "machbar"? Zwei, drei, vier? Kommt in der Lebensform der Polyamorie also ein Liebespartner hinzu, muss man eventuell mal ausmisten und eine schon bestehende Liebesbeziehung aufgeben, damit es wieder Platz hat. Geschieht das einvernehmlich, mag das ja eine Lösung sein. Doch bei Gefühlen sind oft auch Verletzungen vorprogrammiert.
Deshalb meine These: Polyamore lieben zwangsläufig in reduziertem Mass und kaufen sich mit ihrer Lebensform viel Unverbindlichkeit ein, so viel, dass man schon kritisch nachfragen kann: Wie viel Liebe ist da noch?