Donnerstag, 19. Juli 2012

Sentimental Journey

Dreimal im Jahr - wenn es gut kommt - begebe ich mich aus meinem Alltag hinaus und unternehme allein eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln meines Landes. Tradition hat das im Februar, wenn oft schon eine Frühlingssonne spürbar ist. Jedoch nicht in diesem Jahr, als es der kälteste Tag war, den man seit langer Zeit erlebt hat und ich in Basel schier zur Eisleiche wurde.

So gesehen bot es sich an, für den Sommerausflug eine Ausnahme zu machen. Ich begab mich auf eine Sentimental Journey, und das - Achtung, es kommt gleich - nicht allein, sondern in Begleitung. Ich wollte gestern - an diesem wundervollen Sommertag - dahin zurück, wo ich so viele Sommertage in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe.

Meine Eltern haben nicht viele Fotos gemacht. Dasjenige, das mich als dreijährigen Knirps sitzend auf einem Stein zeigt, ist eine Ausnahme. Das Bild stand dann jahrelang eingerahmt im Wohnzimmer meiner Eltern, sodass es mich durch meine ganze Kindheit und Jugend begleitet hat. Entstanden ist es vor langer Zeit, an einem weitgehend unbekannten, aber zauberhaften Aussichtspunkt ganz in der Nähe des Hauses, in welchem zwei alte Tanten wohnten, bei denen ich meistens mit meinem Vater Sommerferien verbrachte. Er wird es wahrscheinlich auch gewesen sein, der mich vor etwas mehr als 40 Jahren fotografiert hat.

Mein Vater lebt nicht mehr. Um ein Foto von mir an gleicher Stelle anzufertigen und weil Sentimental Journeys mit Vorteil nicht allein unternommen sein wollen, kam Rosalie mit auf die denkwürdige Reise. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie meinen Egotrip begleitet, mit mir gesprochen und oft auch mein nachdenkliches Schweigen respektiert hat.

Die Zeit ist etwas sehr Wunderliches. Sie verbirgt Ereignisse, die noch nicht geschehen sind und sie deckt Ereignisse, die vergangen sind, mit viel Staub zu. Sie entfremdet uns das Vergangene, lässt sie zusammenschrumpfen zu Stimmungen, Gerüchen, Melodien, vielleicht auch Wortfetzen.

Und irgendwann ist auch das Vergangene wieder vergessen und hat aufgehört, zu existieren. Denn wer wird in ferner Zukunft noch wissen, was dieser Stein mitten auf einer Wiese für mich einmal bedeutet hat?

Foto and Artwork by ROSALIE

9 Kommentare:

  1. Lieber Castorp

    Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass ich Dich auf diese besondere Reise zu den Orten Deiner Kindheit begleiten durfte!

    Es war ein wunderschöner Tag mit unvergesslichen Eindrücken und bereichernden Gesprächen. Und ich habe einiges gelernt über die lokalen Spezialitäten einer Gegend, die ich bis gestern nur vom Hörensagen gekannt habe! ;-)

    Herzlichen Dank!

    Deine Rosalie

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    1. Auch wenn man nicht mehr alle Spezialitäten gleich auf Anhieb findet. Auch dir nochmals: Herzlichen Dank für die Begleitung. Wie ich in meinem Post schon geschrieben habe, ist es nicht einfach, so eine Reise ganz allein zu machen. Es braucht jemanden, um sich auszutauschen. Am Abend ist dann dafür dein Leben etwas mehr ins Zentrum gerückt :-)

      A bientôt!

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  2. Unsere Erfahrungen sterben aber mit uns, jedoch dann, wenn wir selber sie nicht mehr brauchen können. Diese Erfahrungen sind zwar individuell, doch machen Menschen in ähnlichen Situationen auch immer wieder ähnliche Erfahrungen. Und das Besondere daran ist ja, dass alle sie für sich selber machen müssen. Umgekehrt trennen uns Erfahrungen auch: Wer eine glückliche Kindheit hatte, kann nicht ermessen, wie es ist, eine unglückliche Kindheit gehabt zu haben. Man kann es in der Psychologie wohl intellektuell nachvollziehen, doch nicht empathisch nachfühlen. Zumindest nicht wirklich.

    Ich finde in deinem Kommentar zwei Ansprüche, die für mich eine Überforderung darstellen: dem Tod ins Angesicht zu schauen und unser Leben immer als augenblickliches Da-Sein zu erleben. Schon wenn man auf Erfahrungen zurückgreift, ist man nicht mehr im Hier-Und-Jetzt. Und wenn ich mir vorstelle, ich würde mich und meine drei Kinder ohne Planung der Zukunft durchs Leben steuern müssen..... Vielleicht müssen wir die Zeit als etwas Holistisches begreifen, in welcher Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ein grosses Ganzes verschmelzen.

    Dem Tod ins Angesicht schauen mag ich nicht. Noch nicht. Vielleicht ändert sich dies, wenn ich einmal sehr alt und/oder schwer krank bin. Ich habe Angst vor dem Tod.

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  3. Eine schöne Sache! Was der Ausflug wohl im Unbewussten aufwühlen mag.

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  4. Puh... deine Gedanken um Da-sein und Eins-sein mir zu weit weg vom wirklichen Leben.

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  5. Diesen Einwand kann ich nicht nachvollziehen. Das wirkliche Leben besteht doch aus unserer Vergangenheit, unseren Plänen für die Zukunft und der dennoch nicht vorhersehbaren Zukunft, die uns erwartet, und mittendrin im Moment, in dem wir gerade sind.

    Womit ich eher Probleme habe, ist dieses abgeschlossene Runde, was für mich bei dieser "Verankerung des Geistes im Jezt" rüberkommt. Ich sehe dabei immer einen sehr weisen Zenmeister, der stets im Einklang mit sich selber ist. Von der Ausstrahlung schon beeindruckend, aber irgendwie abgestorben.

    Gestern ist mir sinngemäss der Satz herausgerutscht: "Ich darf vielleicht auch mir selber ein Rätsel bleiben." Vielleicht ist das meine Form der Verankerung im Hier und Jetzt: Ich als immerwährendes Rätsel meiner selbst. Und mein Leben besteht darin, es zu lösen.

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  6. "Womit ich eher Probleme habe, ist dieses abgeschlossene Runde, was für mich bei dieser "Verankerung des Geistes im Jetzt" rüberkommt. Ich sehe dabei immer einen sehr weisen Zenmeister, der stets im Einklang mit sich selber ist. Von der Ausstrahlung schon beeindruckend, aber irgendwie abgestorben."

    Lieber castorp, genau das wollte ich sagen mit dem Eins-Sein, nur für lange Worte und eine Diskussion fehlte/fehlt mir derzeit die Konzentration, aber nur die wenigen Worte von mir haben mein Empfinden wohl nicht richtig ausdrücken können. Lieben Gruß morgenrot

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  7. Aber manchmal sehne ich mich schon nach einer Zen-Meister-Existenz.

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  8. Heute Abend aufgeschnappt:

    Ich bin weder Emotionen noch Gedanken. Ich bin ein einzigartiges Wesen und meine Lebensaufgabe ist es herauszufinden, wer sich hinter diesen Gedanken und Emotionen verbirgt. Zu erkennen, wer ich wirklich bin.

    Und hin und wieder treten neue Menschen in unser Leben, begleiten uns ein Stück des Weges, halten einem den Spiegel vor und sind dabei behilflich, ein paar Puzzlesteinchen zur Lösung des Rätsels aufzusammeln und vielleicht sogar zusammenzufügen.

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