- Kürzlich in einer ähnlichen Diskussion aufgeschnappt: Die (erotische) Liebe wird nicht weniger, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - sie multipliziert sich! Stichwort Polyamory.AntwortenLöschen
Ich plädiere dafür, dass die Liebe ein unerschöpfliches Reservoir an Gefühl ist. Sie wird nicht kleiner, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - im Gegenteil. Ob man für alle gleichermassen sexuelles Begehren empfindet und ob man dieses ausleben will, soll oder darf, steht auf einem anderen Blatt. -
Die Polyamoren haben aber mehr als nur ein Problem: Liebe ist nicht etwas, was sich aus dem Nichts entwickelt und dann einfach so automatisch bleibt. Liebe nährt sich aus einem Treibstoff, der durchaus nicht unerschöpflich ist: Zeit.
Zwar bieten uns moderne Kommunikationsmittel heutzutage die Gelegenheit, Zeit auch virtuell mit einem Partner zu verbringen. Insofern sind wir flexibler geworden. Doch eine Kurznachricht zu schreiben oder einen Blogkommentar zu kommentieren, das braucht auch Zeit. Es ist die Zeit, in welcher man sich einem anderen Liebespartner zuwendet, und sich gleichzeitig von einem anderen abwendet. Bedenkt man, dass der andere Liebespartner seinerseits anderweitig Zeit investiert, bleibt unter dem Strich bald einmal zu wenig Zeit, um die Liebe mittel- oder langfristig am Leben zu erhalten. Das Phänomen, dass Lebenswelten zu sehr auseinanderdriften, erleben natürlich auch sehr viele Paare, die nicht polyamor leben, zum Beispiel, wenn Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit ungleich aufgeteilt sind. Die so verursachten Scheidungsraten sind selbsterklärend.
Zweitens kann nicht ausbleiben, dass auch in polyamoren Beziehungen eine Verbindung die Hauptbeziehung ist. Damit meine ich noch nicht einmal die gesetzlich verordnete Tatsache, dass ich nur mit einer Frau verheiratet sein kann. Es stellt sich auch die Frage, mit welcher Frau ich einen Wohnsitz teile und mit welcher Frau ich Kinder habe (die nota bene ihrerseits Zeit in Anspruch nehmen). Es findet also automatisch eine Hierarchisierung der verschiedenen Beziehungen statt. Und das ist zwar vielleicht noch halbwegs lustig, wenn ich mir selber überlege, welche Frau nun meine Hauptfrau werden soll. Weniger lustig ist es dann, wenn meine eigene Position als Hauptmann zur Disposition steht.
Drittens: Schon aus den oben genannten Zeitgründen müssen sich auch die Polyamoren auf eine überschaubare Anzahl von Liebesbeziehungen beschränken. Und Beschränkungen sind ja gerade das, was man mit der Polyamorie ja überwinden wollte. Wie viele Partner sind denn "machbar"? Zwei, drei, vier? Kommt in der Lebensform der Polyamorie also ein Liebespartner hinzu, muss man eventuell mal ausmisten und eine schon bestehende Liebesbeziehung aufgeben, damit es wieder Platz hat. Geschieht das einvernehmlich, mag das ja eine Lösung sein. Doch bei Gefühlen sind oft auch Verletzungen vorprogrammiert.
Deshalb meine These: Polyamore lieben zwangsläufig in reduziertem Mass und kaufen sich mit ihrer Lebensform viel Unverbindlichkeit ein, so viel, dass man schon kritisch nachfragen kann: Wie viel Liebe ist da noch?Noch eine Frage: Was machst du mit dem sexuellen Begehren, das du für jemanden empfindest, den du nicht liebst? Gibt es so etwas überhaupt?
Gedanken über die Liebe, über Musik, Literatur, Fussball und andere Dinge, die mein Leben lebenswert machen.
Dienstag, 28. Mai 2013
Rosalie vs. Castorp ;-)
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Ich denke, wenn eine Beziehung weitestgehend intakt ist, gibt es keinen tatsächlichen Gedanken an Polyamorie, wobei ich mir da zuweilen auch nicht so ganz sicher bin. Naja, wenn es dich aber so richtig trifft, so mitten ins Herz, dann gibt es auf jeden Fall nur diesen einen Partner, gehört ihm/ihr die ganze Aufmerksamkeit, wie lange, das steht dann auch auf einem anderen Blatt. Alles gar nicht so einfach.
AntwortenLöschenIch melde mich mal zu Wort als eine, die sehr wohl die Erfahrung kennt, zwei Männer gleichzeitig zu lieben, bei der sich diese Gefühle aber nicht in die Realität hinüberretten ließen. Grundsätzlich halte ich es für möglich, mehr als einen Menschen auf innig-erotische Weise zu lieben. In meinem Fall trat dies das erste Mal auf, als meine damalige Beziehung tatsächlich schon zerrüttet war. Aber dann war das Gefühl für jenen anderen Mann da, und es blieb auch bestehen, als meine Beziehung zerbrach und eine neue Liebesbegegnung sich auftat. Es ist bis heute da, obwohl ich mit meinem jetzigen Partner sehr glücklich bin.
AntwortenLöschenAllerdings gebe ich Castorp recht, dass die Verteilung der Ressourcen diesbezüglich ein Problem darstellt. In meinem Fall haben wir beide unsere Hauptbeziehungen durch unseren intensiven Briefwechsel in unzulässiger Weise vernachlässigt und ihnen damit sehr zugesetzt. Bei mir führte dies irgendwann zum Abbruch meiner Erstbeziehung, bei ihm kam es soweit, dass er die Zerrissenheit nicht mehr ertragen konnte und sich aus unserem Kontakt zurückzog. Das sind die Begrenzungen dieser Art von Gefühlen. Und dennoch glaube ich nicht, dass es grundsätzlich unmöglich gewesen wäre, sie auszuleben.
Damit Polyamorie überhaupt funktionieren kann, müssen meiner Meinung nach zumindest folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
1. Es muss allen Beteiligten vollkommen klar sein, welches die jeweilige Hauptbeziehung ist: dem Partner, der zu neuen Ufern aufbricht, der Geliebten, die sich mit einem gebundenen Mann einlässt, und der Partnerin, die sich die Aufmerksamkeit ihres Gefährten mit einer zweiten Person teilen muss. Aus diesem Grund wäre es natürlich hilfreich, wenn die Geliebte ihrerseits in einer festen Beziehung leben würde, weil dann kein Ungleichgewicht entsteht.
In meinem Fall war es so, dass ich den Vorrang seiner Ehe und seiner Familie zu jedem Zeitpunkt uneingeschränkt akzeptiert habe. Es war nie meine Absicht, ihn seiner Frau auszuspannen, und ich hätte das auch nie von ihm erhofft oder erwartet. Umgekehrt wäre für mich in meiner neuen Beziehung (in der mein jetziger Partner sogar grundsätzlich offen für polyamore Experimente gewesen wäre) immer klar gewesen, dass diese Priorität hat und ich sie auf keinen Fall gefährden möchte. Und wäre ich in der Rolle der langjährigen Partnerin, die ihren Gefährten mit einer anderen teilen müsste - sicher die schwierigste Rolle von allen -, dann wäre es unglaublich wichtig für mich, dass ich mir seiner Liebe und Zuneigung sowie der Verlässlichkeit unserer Bindung sicher sein könnte, zumindest so sicher, wie man es in einer Paarbeziehung überhaupt sein kann.
2. Die Nebenbeziehung darf nur die überschüssigen Ressourcen abziehen, sie darf nicht in Konkurrenz mit der Hauptbeziehung treten. Sobald sich der langjährige Partner zurückgesetzt oder vernachlässigt fühlt, läuft etwas schief. Von daher ist es sicher günstig, wenn entweder beide Partner eine Außenbeziehung haben oder der "monogame" andere Ressourcen hat, die sein Leben ausfüllen. Mein Partner zum Beispiel schätzt seine Freiräume sehr, treibt viel Sport oder unternimmt gerne alleine etwas mit Freunden. In diesen Zeiträumen würde ich ihm sicher nichts wegnehmen, wenn ich mein Nähebedürfnis andernorts stillen würde.
3. Alle Beteiligten müssen einen einvernehmlichen Umgang mit dieser Beziehungsform haben. Ob dies bedingungslose Offenheit bedeutet oder stillschweigende Übereinkunft, dass keiner Rechenschaft über sein Tun und Lassen ablegen muss, mag individuell verschieden sein. Aufrichtigkeit und einen respektvollen Umgang miteinander halte ich indessen für unabdingbar.
In meinem konkreten Fall hätte nur eine sehr niederfrequente Variante von Polyamorie überhaupt zur Debatte gestanden, weil sie anders mit unseren Leben gar nicht vereinbar gewesen wäre: ein regelmäßiger Austausch per Mail und gelegentliche, wohl eher seltene Treffen (zwei- oder dreimal im Jahr). Ich halte es nicht für gänzlich ausgeschlossen, dass das hätte funktionieren können.
Und weil die Software nur eine begrenzte Anzahl an Zeichen zulässt, hier noch der Rest meines Kommentars:
AntwortenLöschenUnd dennoch ist das alles natürlich Theorie, auch wenn es Paare gibt - Golden Delicious ist ein wunderbares Beispiel dafür -, die das Ganze scheinbar erfolgreich leben. Und trotzdem können Gefühle sich auf unangenehme Weise verselbständigen, dürfte es auch in polyamoren Beziehungen genügend Schmerz, Eifersucht und Verlustangst geben, weil eben nicht immer alles so wunderbar glatt läuft wie in der Theorie. Misstöne, Konflikte, Krisen, Unzufriedenheit - die Versuchunng ist groß, sich dann der schwierigen Partnerschaft zu entziehen und sich mit der jeweils anderen Beziehung zu trösten (oder sich dort sogar eine verkappte Racheaktion zu gönnen), anstatt sich nun gerade dem Sorgenkind zuzuwenden. Wie gesagt: Ich selbst habe keinerlei Erfahrungen mit Polyamorie, halte sie für eine große Herausforderung, aber nicht gänzlich unmöglich. Und wenn sie tatsächlich gelingt, dann hat sie für mich etwas ganz Großes und Wunderbares.
Hallo castorp, schön wieder von dir zu lesen. Ja, das waren schon facettenreiche Diskussionen. :-)
AntwortenLöschenhttp://lyrikundgedanken.wordpress.com/2012/01/22/alles-nur-traume/
ganz lieben Gruß
morgenrot
Lieber Castorp
AntwortenLöschenWas ist Polyamorie überhaupt? Ich glaube, dass es möglich ist, zur selben Zeit für mehr als einen Menschen Gefühle der Verliebtheit bzw. Liebe und Begehren zu empfinden. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass man beide gleichzeitig gleich intensiv liebt. Es wird Wellenbewegungen geben, in denen ein Partner für eine gewisse Zeit lang begehrenswerter ist als der andere und dann kann sich das wieder ändern, je nach dem was man gerade zusammen erlebt, wie die Befindlichkeiten sind und natürlich spielt es auch eine Rolle, wie viel Zeit man miteinander verbringt. Was jedoch vorhanden sein muss, ist die Liebe. Das heisst, dass man ein tiefes Gefühl von Zuneigung für eine Person empfindet und damit das entstehen kann, muss man natürlich Bindung schaffen und gemeinsam Zeit verbringen. Hat sich dieses Gefühl aber einmal eingestellt, muss man diese Person auch nicht unbedingt im Alltag "besitzen" und einer solchen Liebe können auch längere Funkpausen nichts anhaben. "Alte Liebe rostet nicht"... Man muss sich nicht täglich oder wöchentlich sehen, um die Liebe am Leben zu erhalten.
Die Beziehungsform der Polyamorie offen zu leben, d. h. so dass alle Beteiligten voneinander wissen, ist natürlich eine riesige Herausforderung. In der Praxis funktioniert das vermutlich nur selten und deshalb werden "Dreicksbeziehungen" ja eigentlich fast immer heimlich geführt. Die Chance, dass der Lebenspartner einer polyamoren Beziehung zustimmt und dass man einen weiteren Partner findet, für den dieses Beziehungsmodell ebenfalls in Frage kommt, ist doch relativ klein. Und dass man dieses Modell sogar mit drei oder vier Partnern leben kann, halte ich für kein realistisches Szenario, denn wir sprechen ja von Liebesbeziehungen nicht von Bettgeschichten. Es ist ja schon ein unglaubliches Glück, wenn man sich verliebt und diese Liebe erwidert wird. Dass einem das im selben Lebensabschnitt gleichzeitig zwei-, drei- oder gar vierfach passieren kann und diese Menschen dann noch gewillt sind, die Liebe zu teilen, ist doch ziemlich unwahrscheinlich.
Es stellt sich auch die Frage, ob wir überhaupt auf die Idee kommen würden, eine polyamouröse Beziehung einzugehen, wenn wir die ganz grosse Liebe gefunden haben? Hält man solche Beziehungen für erstrebenswert, weil man sich nicht auf einen einzigen Partner beschränken möchte oder weil man davon ausgeht, dass der aktuelle Partner nicht alle unsere Bedürfnisse erfüllen bzw. "abdecken" kann?
Wenn man mehr als einen Mann/eine Frau liebt, hat man sich das vermutlich nicht bewusst ausgesucht. Es ist einem einfach passiert! Entweder in Form eines "coup de foudre" oder weil man mit dem Feuer gespielt hat... Und man kann sich dann die Frage stellen, ob das nur passiert, wenn die Hauptbeziehung in Schieflage ist oder auch dann, wenn man das Gefühl hat, dass man in einer erfüllten Partnerschaft lebt. Ich tippe auf Ersteres. Wenn man sich verliebt, weckt diese neue Person eine Sehnsucht und diese Sehnsucht lässt sich nun mal vom bestehenden Partner nicht erfüllen und das hat Gründe...
Fortsetzung...
AntwortenLöschenIch habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen um die Vierzig von Sehnsüchten geplagt sind und sich erhoffen, diese durch eine neue Begegnung stillen zu können. Vielleicht war das früher auch schon so. Heute wird jedoch mehr oder weniger offen darüber geredet und diskutiert und die Seitensprungplattformen schiessen wie Pilze aus dem Boden und suggerieren uns, dass fremdgehen eigentlich die normalste Sache der Welt ist. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass die meisten Menschen, die dort ein Profil eröffnen und etwas suchen eigentlich nicht "nur" Sex suchen, wenn sie ehrlich sind...
Das bringt mich zu Deiner letzten Frage: "Was machst du mit dem sexuellen Begehren, das du für jemanden empfindest, den du nicht liebst? Gibt es so etwas überhaupt?"
Sicher gibt es das und es kann durchaus ein gutes (heisses) Erlebnis sein, ein solches Begehren einmal auszuleben, wenn es sich ergibt und wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu tragen...
Das sind dann wohl die klassischen Onenightstands im Urlaub oder nach dem Betriebsanlass. Wie es sich dann am Morgen danach anfühlt und ob es sich lohnt, ist eine andere Frage.
Grundsätzlich gehe ich aber davon aus, dass es ein gewisses Mass an Gefühlen braucht, damit man jemanden überhaupt begehrenswert findet. So empfinde ich es jedenfalls. Das heisst, die Person muss meine Phantasie anregen und in mir eine Sehnsucht zum Klingen bringen, damit ich Lust habe, mit dieser Person körperliche Nähe zu teilen. Es muss noch nicht gleich Liebe sein. Aber eine kleine Verliebtheit... und die ist ja in der Regel der Grundstein, damit sich Liebe überhaupt entwickeln kann.