Früher, als kleines Kind, war ich fest davon überzeugt, dass die Welt immer so bliebe, wie sie in jenem mittlerweile fernen Moment war. Mutter und Vater würden ebenso da sein wie die beiden älteren Brüder. Wir würden immer in der gleichen Wohnung leben und auch die Nachrichten, die über den Fernseher in die Wohnstube flimmerten, würden immer die gleichen bleiben.
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| Wohnstube der 70er. Ein Ort düsterer Erinnerungen |
Eine frühe Erinnerung von mir war, dass meine Eltern (oder mindestens meine Mutter) und die Brüder in gewissen Nächten aufstanden und den Fernseher einschalteten. Dann war Boxen angesagt. Irgendwo auf der fernen Welt verteidigt oder erobert (so genau habe ich das damals nicht verstanden) der grosse Muhammad Ali den Weltmeistertitel im Schwergewicht. Ali. Ich verstand zwar nicht, ob er gerade Weltmeister war oder es zum ich weiss auch nicht wie vielten Male wieder werden wollte, aber ich verstand umso besser, dass dieser Mann etwas ausstrahlte, was die Massen so sehr elektrisierte, dass diese Aura selbst mitten in der Nacht in eine biedere, mitunter verlogene Schweizer Wohnstube wirkte.
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| Ali als Kind. |
Wofür Ali eigentlich stand, wurde mir erst viel später klar. Dass er den amerikanischen Kriegsdienst in Vietnam verweigerte und deshalb seinen Titel verlor. Dass er seine Goldmedaille, die er noch als Amateur bei den Olympischen Spielen gewonnen hat, in einen Fluss warf, voller Zorn über den offenen Rassismus, der damals in den U.S.A. noch normal war. Ali tat das, was vielleicht viele gerne täten, es aber nicht wollen oder können. Er scherte sich keinen Deut darum, welche Konsequenzen seine Handlungen hatten, solange sie seinen innersten Überzeugungen (und einem grossen Ego) folgten.
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Ali heute. Gezeichnet von 30 Jahren Parkinson. Die Krankheit hätte
ihn auch erreicht, wenn er nie geboxt hätte. |
So war Muhammad Ali viel viel mehr als nur ein Boxer. Doch auch als Boxer war er - sofern ich als Laie das beurteilen kann - einzigartig. Flink, elegant - und schlau. 1975 holte er in Kinshasa den Weltmeistertitel zurück, gegen einen krass überlegenen George Foreman. Vier Jahre zuvor hat er im März 1971 gegen Joe Frazier verloren, jenen Joe Frazier, den George Foreman später wie nichts k.o. schlagen sollte. Wahrscheinlich war es jener Niederlage zu verdanken, dass Ali neun Monate später an einem sehr unspektakulären Ort gegen einen unspektakulären Gegner zu boxen bereit war. Der Gegner war der Deutsche Jürgen Blin. Der Ort war Zürich.
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Foreman schlägt Frazier wie nichts k.o.
Kampf um die Weltmeisterschaft 1973 |
Doch was hat das alles mit Lebensfreude zu tun? Eigentlich nichts. Nur dieses eine Foto. Es zeigt Muhammad Ali, wie er am 23. Dezember 1971 auf dem Uetliberg trainiert. Ein Mann, der Niederlagen und Demütigungen einsteckte, und trotzdem diese unbändige Lebensfreude ausstrahlt. Diese Kraft, die anders ist als die Kraft des bulligen Foreman. Es war eine Kraft, die von innen kam. Selten habe ich diese Kraft besser sehen können als diese Woche auf diesem Schnappschuss.
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| Wer diese Lebensfreude gehabt hat, kann dahinsiechen und sterben. Aber er hat gelebt. |
Wow! Das war mir alles gar nicht so bewusst. Ich dachte immer, Ali sei bloss ein erfolgreicher Boxer mit einem aufgeblasenen Ego gewesen...
AntwortenLöschenSchönes Post. Und ein freundliches, neues Design, das sehr gut zu Deinem Blog passt!:)
"Er scherte sich keinen Deut darum, welche Konsequenzen seine Handlungen hatten, solange sie seinen innersten Überzeugungen (und einem grossen Ego) folgten." - Das ist etwas, was mich wirklich beeindruckt....weil ich eigentlich oft ein feiger Mensch bin....
AntwortenLöschenDas mit der Lebensfreude ist wohl eine ganz besondere Gabe, beneidenswert.....
Das neue Design gefällt mir sehr gut...
Hallo,
AntwortenLöschenMuhammad Ali ist mir aus meiner Kindheit auch sehr lebhaft in Erinnerung. Da gab es auch den Song "In Zaire", der 1974 in den Hitparaden war und von dem Kampf gegen J. Frazier handelte. Dein Blog gefällt mir, er ist sehr tiefsinnig.
Grüße Dieter
Lieber Dieter
LöschenDanke für deinen Kommentar. So etwas stellt natürlich immer auf. Mit Song "In Zaire" hatte ein gewisser Johnny Wakelin ein oder zwei Jahre nach dem "Rumble in the jungle" Ali gegen Foreman in Kinshasa grossen Erfolg. Der Song fehlt dann auch auf kaum einer Seventies-Kompilation.
Ali hatte in der Mitte der Siebzigerjahre zwei grosse Kämpfe. Eben der "Rumble in the jungle" im damaligen Zaire und den "Thrilla in Manila" gegen Joe Frazier. Man muss hier vielleicht noch beifügen, dass die Austragungsorte der Unlogik jener Zeit geschuldet sind. Zwar galt Ali als "politischer" Sportler, der sich gegen Unterdrückung und Rassismus gewendet hat. Anderseits hatte er keine Mühe, in Ländern zu kämpfen, in denen mit Mobutu und Marcos zwei üble Diktatoren herrschten.
Ich werde gerne mal in dein Blog reinschauen, Dieter. Dann, wenn ich genug Zeit habe, mich auch richtig reinzulesen. Ich bin gespannt.