Samstag, 28. Januar 2012

Rückkehr zum "Zauberer"

Selbstgefälliger Geck. Felix Krull in der Gestalt von Horst
 Buchholz mit seiner Filmpartnerin Lilo Pulver herself!
Seit rund 28 Jahren verbindet mich mit dem Werk Thomas Manns eine intensive Liebe. Es ist eine Liebe, die mal intensiver, zuweilen fast exklusiv war. Und dann waren da auch grosse Unterbrüche und auch eine Ernüchterung, als ich vor fünf Jahren den Krull für die Lesegruppe wieder aus dem Bücherregal holen musste. Ich habe mich damals nur genervt über den manierierten Stil und die Selbstgefälligkeit des Hauptprotagonisten. Krull war und ist für meinen Geschmack zu sehr vom Glück verfolgt. Ich mag die Figuren lieber, wenn sie auch leiden müssen.

Damals habe ich gedacht: Das war es nun. Die Liebe ist vorbei. Aus diesem Grund war ich auch mehr als skeptisch, als der andere, etwas verkappte Thomas-Mann-Liebhaber in der Lesegruppe kurz vor Ablauf des alten Jahres ausgerechnet „Joseph und seine Brüder“ auf den Lektüreplan gesetzt hat. Den ersten Band nur, und die „Höllenfahrt“ zu Beginn des Buches könnten wir uns schenken. Aber doch... Joseph und seine Brüder!

Die Falsche und die Rechte. Lea und Rahel. 
Ausgerechnet jenes Buch, das mir vor vielen Jahren die Prosa von Thomas Mann verleidet hatte. Ich blieb damals heillos hängen in der umfangreichen Tetralogie. Die Vorzeichen standen also denkbar schlecht.  Und nach 10 Minuten war mein Urteil gemacht: Thomas Mann, Nobelpreisträger, Autor des „Zauberbergs“, ist nach diesem epochalen Werk endgültig zur Statue erstarrt.


Versöhnung und Barmherzigkeit im
Alten Testament:Jaakob versöhnt sich
mit seinem Schwiegervater Laban.
Doch dann passierte Wundersames: Irgendwann automatisierte sich das Lesen. Die biblischen Gestalten wurden lebendig. Sie wurden schlicht und ergreifend zu typischen Gestalten dieses Autors, der sprachlich meisterlich über alttestamentarische Landschaften und Lebensweisen schweift und seine Figuren mal herzt, mal schelmisch der Lächerlichkeit preisgibt und sie, dem  von C.G. Jung geprägten Zeitgeist entsprechend, in einen universalen mythischen Kontext stellt.

Was mich aber am meisten mitgenommen hat. Dieser Autor hatte mich wieder ungebrochen in seinen Fängen. Ich war Teil dieser archaischen Welt, litt mit Jaakob, wie er blind in die fatale Hochzeitsnacht mit der falschen Schwester taumelt, lachte bei der Beschreibung der Leute von Sichem und war angewidert vom Blutbad, das grobschlächtigen die Jaakobssöhne dort anrichteten. Ich spürte den Kloss im Hals, als Rachel bei der Geburt des Benjamin starb. Und vor allem war da wieder diese unfassbare Nähe zu Jaakob, wie sie schon zu Hans Castorp und Thomas Buddenbrook da war.

Das Blutbad von Sichem: Die Söhne der Unrechten in enthemmter Grausamkeit

Thomas Mann lesen ist für mich ein Wiedererkennen. Ein Heimkommen. Wahrscheinlich wird sich mir nie erschliessen, welches geheime Band mich mit diesem Autor verbindet. Aber wie sagte es jemand aus der Lesegruppe: „Vielleicht ist es besser, du findest es nie heraus! Solange wird der Zauber weitergehen.“

Fürwahr. Der Zauberer hatte mich wieder in seinem Bann. 

Unerklärliches Gefühl des Nach-Hause-Kommens beim Lesen.
Was verbindet mich nur mit diesem verknöcherten alten Mann??

3 Kommentare:

  1. Du erwähnst hin und wieder deine Lesegruppe. Mich interessiert, wie sie funktioniert. Schönen Sonntag morgenrot

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  2. Ich hoffe auch, dass du einen schönen Sonntag gehabt hast, liebe Morgenrot.

    Doch gleich zu deiner Frage: Unsere Lesegruppe besteht aus acht Mitgliedern. Wir schlagen der Reihe nach Bücher vor, wobei "vorschlagen" ein Euphemismus ist. "Bestimmen" trifft die Sache genau. Wir lesen das "vorgeschlagene" Buch, jeder für sich - zu Hause, im Zug, auf einer Parkbank oder wo auch immer. Beim nächsten Treffen diskutieren wir das Buch, danach gibt es einen kleinen Umtrunk und etwas Apérozeugs. Dann bestimmt das nächste Mitglied das nächste Buch, usw. Die Treffen finden immer bei jenem Mitglied statt, welches das zu besprechende Buch vorgeschlagen - oder eben bestimmt hat. Reicht das als Info oder möchtest du mehr wissen?

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  3. Nein, dass ist so schon okay. Es hört sich interessant an. Da hätte ich auch Lust mitzumachen. :-) Aber ich wohne schon zu weit weg. :-) Mein Sonntag war richtig scheiße. Muss ich einmal so ordinär ausdrücken. Aber heute ist ja ein neuer Tag. Lieben Gruß in die Schweiz
    morgenrot

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