Donnerstag, 12. Januar 2012

Liebend ganz bei sich selbst

Rosalie hat kürzlich in einem Post das Gefühl der Wehmut (Sehnsucht ist auf dem Index gelandet) nach einem anderen Menschen beschrieben. Dieses Gefühl entsteht dann, wenn es nicht erwidert wird, wenn das Objekt dieser Sehnsucht nicht "verfügbar" ist, wie es die israelische Soziologin Eva Illouz es treffend nennt.

Nun ist es ja so, dass sich Gefühle nicht einfach so steuern lassen. Sie führen ein gewisses Eigenleben und wir müssen uns oft genug mit der Aufgabe zufrieden geben, so gut es geht mit diesen Gefühlen klarzukommen - oder mit ihnen "umzugehen" - wie man im Sinne der allgemeinen Psychologisierung der Alltagssprache auch sagen könnte.

Doch wie soll dies vor sich gehen? Hiesse das, die Gefühle zu akzeptieren, und zwar als seine eigenen? Zu diesen Gefühlen zu stehen, sie nicht abzulehnen, sich ihrer auch nicht zu schämen? Wenn der Adressat dieser Gefühle, derjenige, der gemeint ist, diese Gefühle nicht erwidern kann oder darf (auch wenn er sich geschmeichelt fühlt), so haben diese Gefühle doch ihren Platz verdient, nämlich ganz bei derjenigen Person, welche diese Gefühle entwickelt oder in welcher sich diese Gefühle entwickelt haben - je nachdem, ob wir das Gefühl der Wehmut nach einem Menschen als Übertragung oder als metaphysisches Wunder deuten.

Eine Situation, wie sie Rosalie beschreibt, birgt deshalb eine erhebliche Gefahr: Bitter zu werden, bitter gegen sich selber, bitter gegen die Welt und bitter natürlich auch gegenüber dem Objekt der Sehnsucht. Bittersüss sind dann die Gefühle, wobei die Extreme der Bitternis und der Süsse sich gegenseitig noch aufschaukeln. Das einzige Rezept gegen diese Bitternis scheint mir - von Rosalie in ihrem Blog exemplarisch vorgelebt - die Achtung zu sein. Die Achtung gegenüber sich selber, die Selbstachtung zuerst.

Das Gefühl der Bitternis ist allumfassend,
in letzter Konsequenz aber selbstzerstörerisch.

Denn die Selbstachtung gibt uns die Kraft auch die Mitwelt zu achten, auch das Objekt der Sehnsucht zu achten. Und das Positive zu sehen an den Gefühlen, wie wohl in manchen Momenten schwierig auszuhalten sind, die aber auch ein erstaunlich potentes Lebenselixier und eine Inspiration sein können. In diesem Sinne - wieder einmal - eine musikalische Untermalung.

Der junge Elton John schreibt ein Liebeslied. Und er ironisiert das Gefühl der Liebe gleich in der ersten Zeile...schiebt es sozusagen etwas von sich weg.  Es ist schon etwas seltsam, das Gefühl in einem drin, das man aber so schlecht verstecken kann. Dann kommen Phantasien... wenn ich viel Geld hätte... wenn ich ein Bildhauer wäre .... oder gar einer, der magische Getränke herstellt auf dem Jahrmarkt (ein Liebestrank?).

Doch das einzige, was er zu bieten habe, sei ein Lied. Ein ziemlich einfaches Lied. Aber nun, da es nun einmal fertig sei, so hofft er, habe der Geliebte (hier wähle ich die männliche Form, da Elton John schon damals einen Mann im Auge gehabt haben mag) nichts dagegen einzuwenden. Und schliesslich kann der Geliebte jederzeit behaupten: Das ist mein Song! Ein wirklich und wahrhaftig schönes Geschenk...

2 Kommentare:

  1. Wenn das Gefühl der Zuneigung weder auf Projektion noch auf Übertragung basiert und man sich schlicht in das Wesen einer Person verliebt hat, entsteht keine Bitterkeit. Dann muss man das Objekt seiner Sehnsucht nicht besitzen - es reicht, dass es existiert.

    Und Sehnsucht entsteht nicht nur dann, wenn die Zuneigung nicht erwidert wird. Sie entsteht vor allem dann, wenn sie - aus welchen Gründen auch immer - nicht gelebt werden kann.

    Schön, dass Du wieder schreibst.

    AntwortenLöschen
  2. Bei sich selbst sein, erspüren und vorallem auch für richtig halten, was man fühlt und was man sich wünscht und was einem fehlt, ohne sich daraus einem Handlungszwang zu unterwerfen. Den Gefühlen Raum geben. Sie lassen sich nicht einfach zur Seite schieben. Nicht mit ihnen hadern oder sie infrage stellen. Ich denke, diese Klarheit in sich selbst ist das Wichtige. Ich nenne es immer, bei mir selbst angekommen sein. Sich selbst lieben. Und auch die Sehnsüchte? Ich lese oft in den blogs, man muss seine Sehnsüchte aus sich selbst heraus stillen. Aber Sehnsüchte aussschließlich aus sich selbst heraus erfüllen, wie sollte das gehen? Es bedarf fast immer ein Außen… und klar, wird das von Hoffnungen begleitet. Hoffen und Wünschen gehört zum Leben. Aber es sind eigene Hoffnungen, und nicht Erwartungen an andere, an den anderen.

    http://lyrikundgedanken.wordpress.com/2011/09/29/projizieren/

    Ja, schön, dass du wieder schreibst.

    Lieben Gruß
    morgenrot

    AntwortenLöschen