Samstag, 7. Januar 2012

Tragisches Versteckspiel. Charlotte Roches Roman "Schossgebete"

Es sind jetzt auch schon wieder drei Wochen, seit ich die Schossgebete von Charlotte Roche gelesen habe. Das Buch habe ich inzwischen auch schon wieder der Besitzerin zurückgegeben. Darum kann ich nur aus dem Kopf herauskamen, was sich dort nach der Lektüre der beiden Glattauers und einer Teillektüre von Thomas Manns "Jakob und seine Brüder" in irgendwelchen Gehirnwindungen verfangen hat. Am besten mache ich das in Form von Thesen zum Roman.


These 1: Man sollte den Roman nicht autobiographisch lesen.


Ein Roman ist nie das Spiegelbild der Realität
Was recht schwierig ist, denn Frau Roche lässt ganz schön die autobiographische Sau raus. Elisabeth Kiehl, die Hauptperson, hat wie Frau Roche eine Tochter und einen Mann. Und vor allem: Auch ihre Brüder sind auf dem Weg zu ihrem Hochzeitsfest in England tödlich verunglückt. Und natürlich hofft man, dass Frau Roche nicht ganz so kaputt ist wie ihr fiktives Alter-Ego. Aber was bringt es, wenn ich jetzt noch mit Google herausfinden würde, ob der Mann von Frau Roche auch ein gutes Stück älter ist als sie selber oder ob das Kind nicht von ihrem Ehemann ist, sondern vom Mann,  den sie nach der geplatzten Hochzeit nicht geheiratet hat. Ganz zu schweigen von der Neugier,  ob sie mit Ehemann ebenfalls ins Puff geht. All diese Fragen befriedigen vielleicht voyeuristische Impulse, haben aber keinerlei Erkenntniswert. Darum sei es wieder einmal gesagt: Hände weg von autobiographischer Lesart. Oder, wie Michelle Rothen es in ihrer Besprechung des Buchs im "Magazin" formuliert hat (auch hier aus dem Kopf zitiert): So lesen nur Banausen.


These 2: Charlotte Roches Sprache baut eine Mauer aus Wörtern.
Was ist dahinter? 


Wenn ich in meinem Post über John Lennon geschrieben habe, dass Kunst Gefühle ausdrücken und sichtbar machen soll, so passiert in den Schossgebeten das Gegenteil (was nicht heissen soll, dass es sich um keine Kunst handelt): Gefühle werden von der Sprache systematisch überspielt und ferngehalten. Das ist über weite Strecken lustig zu lesen, denn Ironie, Galgenhumor und Sarkasmus sind ja patente Gefühlskiller. Doch irgendwann wurde es für mich dann doch etwas eintönig. Irgendwann begann ich nach Elisabeth Kiel (nicht Charlotte Roche!!) zu suchen. Wer ist sie wirklich? Wo ist sie? Irgendwo hinter dem flapsigen Nebel aus wirklich humorvollen (Selbst-)Beobachtungen, oft auch Selbstzerfleischungen, vor allem dort, wo die Hauptfigur zwischen Realität und manischen Perfektionismus aufgerieben wird (Sie hat sogar den Anspruch, die beste und interessanteste Patientin für ihre Therapeutin zu sein).


These 3: Der Roman ist (wie sein Vorgänger) gänzlich unerotisch.


Keine Erotik. Da hilft auch kein rotes Licht.
Wie bei Helen Memel, wenn sie sich mit Hilfe von Avocadokernen selber befriedigt, fragt man sich auch bei Elisabeth Kiel, ob sie beim Sex mit ihrem Mann Georg eigentlich irgendetwas empfindet. Die Lustgefühle scheinen irgendwie abgekoppelt zu sein von ihrer Seele. Seltsam. Schon die Vorbereitung für den ehelichen Sex (der offenbar täglich stattfindet): die Heizdecke vorher wirken lassen. Natürlich funktioniert die Ankündigung des ehelichen Besuchs im Bordell als Appetizer, der uns Lesende bei der Stange hält. Der Voyeurismus wird bei den Sexszenen bedient, nicht die Lust. Jedenfalls nicht bei mir. Mein Geschlechtsteil blieb bei der Lektüre durchwegs normal durchblutet.


These 4: Paartherapie bringt mehr als Einzeltherapie


So in etwa sieht Frau Dr. Drescher aus
Diesen Eindruck kann man bekommen, wenn man den Text liest. Während die Einzeltherapie bei Frau Drescher, die von der Hauptperson wegen der Ähnlichkeit gern "Agnetha" genannt wir, wohl eine Art Stütze ist, aber keine erkennbaren Entwicklungsschritte auslöst, erweist sich die Paartherapie, die Elisabeth und Georg schon längst wieder abgeschlossen haben, als nachhaltig. Georg weiss, wie und wann er sich von abgrenzen kann, und weiss auch, wann er sich eben gerade nicht abgrenzen darf - etwa bei These 5, die sogleich folgt.


These 5: Der Schluss ist grossartig.


Erst am Schluss bricht der Damm. Dann aber wirklich.
Also, nicht der Schluss, wo ein Freund von Georg eine DVD zurückbringt und sich für Elisabeth ein Türchen aufmacht, dass sie vielleicht doch von ihrem Mann den Segen bekommt, mit einem anderen Mann zu schlafen. Nein, ich meine die Szene, in welcher sie sich in den Keller schleicht, um die neueste Änderung ihres Testaments "im Schrank" zu verstecken. Dieser Schrank steht für Elisabeths Todesobsession. Denn - und hier bricht die ganze Verzweiflung dieser Figur nach x Seiten Herumgeflapse schonungslos durch - sie möchte gar nicht mehr leben, würde am liebsten ihren toten Brüdern folgen, wenn da nicht die Tochter wäre und ihr Mann, der sie im Leben hält, weil er ihr sagt, welche Katastrophe es für ihn und die Tochter wäre, wenn sie nicht mehr da wäre und dass daran kein Testament der Welt etwas ändern würde.

7 Kommentare:

  1. Da sind sie ja wieder Herr Castorp...
    Ob ich das Buch wirklich lesen will, ist mir jetzt immer noch nicht so ganz klar. Feuchtgebiete habe ich mir auch nicht zu Gemüte geführt, obwohl ich es geschenkt bekam...
    In einer Rezension las ich etwas von englischem Humor, den ich eigentlich sehr gerne mag.
    Würde es sich dafür lohnen????

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  2. Ja, da bin ich wieder, Frau Karfunkel. Ich bin froh, dass Sie nicht wissen, ob Sie das Buch lesen wollen oder nicht. Ich möchte hier keine Lektüretips abgeben. Am Ende bin ich schuld, wenn jemand ein schlechtes Buch gelesen hat.

    Das mit dem englischen Humor könnte ich eventuell bestätigen, wenn ich denn wüsste, was das "Englische" am "englischen Humor" ist. Aber lustig ist das Buch zuweilen schon. Frau Roche, pardon, Frau Kiehl, berichtet - sagen wir mal - der unverblümt. Wenn Ihnen sowas zusagt....

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  3. Nein, nein...so eine bin ich nicht, die dann später sagt: "der bl**e Castorp, hätt ich mal nicht auf den gehört*....Da über nehme ich schon immer die Verantwortung....
    Ach nee, ich galube, ich kemme mir auch das zweite von Frau Roches Ergüssen...
    Trotzdem Danke

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  4. ohhhhhhhhhhhhh, mir das Buch natürlich....

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  5. Nichts für mich, ich fand das erste schon bedenklich in der Aussage, das zweite habe ich mir in der Kurzfassung nur angehört.

    Ich mag Charlotte Roche sehr, aber ihre Bücher?

    Ekelig und Verzweifelt in Summe und es sind nicht sie Schilderungen der Sexszenen, sondern mehr ihre Geschichten drum herum.

    Sein eigenes Erbrochenes trinken? Nein danke!

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  6. @Vanilla: Die "Aussage" von Feuchtgebiete? Ich finde es recht schwierig, einem Buch eine "Aussage" zuzuschreiben. Was könnte die Aussage von Feuchtgebiete sein? Dass man seine Kindheit irgendwann hinter sich lassen und seinen eigenen Weg gehen muss? Finde ich als Aussage nicht so schlecht.

    Was das Erbrochene und dergleichen betrifft... Man sollte sich bei ihren Büchern nicht allzu sehr vom "Schweinekram" (O-Ton Roche) ablenken lassen.

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