Freitag, 10. Februar 2012

Ehrenrettung der traditionellen Ehe. Teil 1: Widerlegung des Besitzarguments

In den letzten Tagen und Wochen wurde auf diversen Blogs und Kommentaren das Thema der "Offenen Beziehung" ein Dauerthema. Siehe dazu:

Rosalie (immer wieder sie ist meine Inspiration)
Nouniouce (von dem wir alle hoffen, dass er von seinem Rücktritt bald wieder zurücktritt)
Herr und Frau Notos (das Paar, welches die aktuelle Debatte ausgelöst hat)
Peter
Meine Wenigkeit

Habe ich jemanden vergessen oder übersehen? Bitte den Link in den Kommentar stellen!

Wie zu erwarten stand, teilte sich die BloggerInnen-Gemeinde in zwei sich gegenüberstehende Lager:
Die "Traditionalisten"...


Ehepaar um die vorletzte Jahrhundertwende
... sind diejenigen, die bei der Vorstellung von fremder nackter Haut zwar nicht gerade Angstattacken und Fluchtreflexe bekommen, im Gegenteil, die den Reiz davon durchaus nachvollziehen können, den Gedanken einer Partnerschaft aber (zumindest für sich selber) ablehnen, in welcher Fremdgehen quasi offiziell und in gegenseitigem Einverständnis möglich ist. Ich selber habe mich in dieses Lager geschlagen.

Die "Progressiven"...


Uschi Obermaier und Rainer Langhans in der Kommune 1
... sind diejenigen, die mit ihrer Lust auf Abwechslung nicht Verstecken spielen wollen und sich darum eine offene Beziehung wünschen oder sie gar leben.

Ein Argument, das einem Traditionalisten wie mir gerne um die Ohren geschlagen wird, ist dasjenige des Besitzanspruchs. Das Argument sieht explizit ausformuliert folgendermassen aus.

Argument des Besitzanspruchs


1. Aus einer traditionellen Ehe oder Lebenspartnerschaft leitet man einen Besitzanspruch auf den Partner/die Partnerin ab.


2. Es ist falsch, einen Besitzanspruch auf einen Lebenspartner abzuleiten


Schluss: Eine traditionelle Ehe oder Lebenspartnerschaft zu führen ist falsch. 

Da die Schlussfolgerung korrekt ist, muss ich versuchen, eine der beiden Prämissen des Arguments anzugreifen. Es wird bald einmal klar, dass die zweite Prämisse unantastbar ist. Einen anderen Menschen - und sei das die eigene Partnerin oder Partner, als Besitz zu betrachten, kann nur falsch sein. Diese Sichtweise auf eine Ehe wird (wenn auch nur einseitig) nur noch in machoiden Gesellschaften offen vertreten.  Die meisten von uns distanzieren sich aber davon. Zurecht, denn ist Besitzdenken denn nicht das pure Gegenteil von Liebe? Und in Liebe sind sich Paare ja idealerweise verbunden.

Ein Leben lang in Liebe verbunden. Helmut und Loki Schmidt
So bleibt denn noch die erste Prämisse. Und genau diese bestreite ich: Es halte es für eine Unterstellung, Menschen, die keine offene Beziehung leben wollen, Besitzansprüche auf den Partner oder die Partnerin zu unterstellen.

Auf den ersten Blick hat die Prämisse aber etwas für sich. Schon in der Sprache ist doch der Besitzanspruch verankert. Man spricht von "meinem Mann" und "meiner Frau", von "meiner Freundin" und "meinem Freund". Diese Bezeichnungen geben jedoch lediglich eine Funktion an, haben aber keinen emotionalen Gehalt. Genau so kann ich über "meine Chefin" sprechen, ohne dass es jemandem in den Sinn kommt, dass ich meine Chefin irgendwie zu meinen Besitztümern dazurechne. Sprache ist eben im Gegensatz zur Mathematik letztlich unscharf und so drückt das Possessivpronomen "mein" nicht immer zwingend ein Besitzverhältnis aus.

Schein der Genauigkeit: Das Possessivpronomen zweisprachig
Ich selber bin seit über 22 Jahren mit der gleichen Frau zusammen, und ich betrachte sie keineswegs als meinen Besitz. Ich gehe davon aus, dass sie in diesen 22 Jahren keinen Sex mit jemand anderem gehabt hat als mit mir (oder sich selber, obwohl dies da und dort auch schon als Untreue ausgelegt wird). Aber ich könnte mich ja täuschen, so wie sie sich in mir täuschen könnte. Das heisst: Ich bin mir nicht 100% sicher, sie ist es nicht, und das ist gut so.

Ich will es auch gar nicht wirklich und ganz genau wissen und ich wäre glücklich, wenn sie mit einem Seitensprung diskret umgehen würde. Klartext: Ich will es überhaupt nicht wissen, auch nicht, wenn wir beide alt und gebrechlich sind. Dann schon grad gar nicht mehr. Denn Sex ist und bleibt etwas Privates, muss es bleiben. Wer diese Privatsphäre wahren kann, behält etwas Wesentliches bei sich. Sexualität an die Öffentlichkeit gezerrt, verliert vieles von ihrem Reiz und ihrem Geheimnis.

Sex als öffentliche Angelegenheit. Der Mangel an Diskretion kann vieles zerstören.
Dass meine Frau aber bei mir bleibt, an meiner Seite, das hoffe ich. Im wahrsten Sinne: Es ist eine Hoffnung. Kein Anspruch. Kein Recht, das ich einfordern könnte. So wie die Hoffnung, dass ich und meine Lieben gesund bleiben oder dass "meine" Chefin mich nicht entlässt und ich arbeitslos werde.

(to be continued)

6 Kommentare:

  1. Hallo Castorp,
    ich freue mich auf die Auseinandersetzung. Werde Dir in meinem Blog antworten.
    Es gibt eine ganze Reihe mehr Autoren und die Diskussion hält bereits länger an, wird nur immer wieder angefacht. Erwähnen möchte ich im besonderen den Blog von Golden-Delicious und zum Beispiel den Artikel 'Die Sache mit der Liebe' und den Blog von Erdbeertal mit einem Artikel vom ErdBär 'Leben'.
    Liebe Grüße
    Nouniouce
    PS: Ich melde mich hier, sobald meine Antwort zu Deinem Artikel steht.

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  2. Hallo,
    ich habe diesen Blog eben (über Svenja) gefunden und folge ihm nun sehr interessiert. Ich selber bin seit 35 Jahren verheiratet und somit den Traditionalisten verpflichtet. Also eine einzige Frau, in deren Besitz ich mich befinde, treu und ergeben.
    Aber Filmzitat aus "Skin Deep": "...in meinem tiefsten inneren, dort, wo ich nur mir selbst begegne, dort, wo brutale Wahrheit herrscht, dort schreit es: Ich will sie alle!..."
    Also: Wollen würde ich schon, aber ich wage es nicht, mich zu trauen.
    Gruß JurekP

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  3. darf ich dir eine intime frage stellen? warst du in dem fall deiner frau immer treu? man kann sich doch auch nach abenteuer und leidenschaft sehnen, wenn mann eigentlich glücklich verheiratet ist oder glaubst du nicht?

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    1. Liebe oder Lieber Anonym

      Du darfst mir gerne jede Art von Frage hier stellen.

      Natürlich kann man sich nach Abenteuer sehnen, wenn man glücklich (und leidenschaftlich) verheiratet ist. Ob ich meiner Frau immer treu war? Ich fürchte, die ehrliche Antwort ist zwischen den Zeilen versteckt.

      Ich grüsse dich herzlich

      Castorp

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  4. Hallo Castorp,
    hier also die Erwiderung eines "Progressiven" ...
    http://nouniouce.wordpress.com/2012/02/14/besitzsanspruch/

    Gruß Nouniouce

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  5. Hallo ihr Alle,
    ich bin gerade überwältigt, was ich hier lese, zu dem ich kaum komme, alles zu lesen. Ist ja der Wahnsinn. Ich bemühe mich. Weil, ich komme kaum nach, Gedanken zu fassen, geschweige denn, sie aufzuschreiben.
    Danke für die Gedanken
    Notos

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