Montag, 13. August 2012

Erotik reloaded

Interviewer: Das soll erotisch gewesen sein?

Castorp: Ja. Schön übrigens, Sie wieder einmal zu sehen.

Interviewer: Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Was war daran erotisch? Sie sehen einer Frau beim Einkaufen zu, verfolgen sie und verlieren sie aus den Augen.

Castorp: Nehmen wir doch die Frage von Perdita auf. Was hat sie von anderen Frauen abgehoben?

Interviewer: Ich lehne mich zurück, da Sie ja auch noch das Fragen übernommen haben.

Castorp: Das Erotische war primär  das Unbeabsichtigte. Dass gerade sie es war, entsprang einem Zufall. Sie war "mein" Typ. Das heisst, sie war in meinen Augen ein Hingucker. Die langen Haare vor allem. Ein interessantes Gesicht. Für viele andere Männer (oder Frauen) mag sie mässig interessant gewesen sein.

Interviewer: Also ging es doch um Äusserlichkeiten?

Castorp: Ja und nein. Es war auch das, was man gemeinhin die Ausstrahlung nennt. Und die Situation.

Interviewer: Die Situation?

Castorp: Ja. Sie war überhaupt nicht erotisch angelegt. Es war ein Einkaufszentrum. Ich war im Stress, weil ich Zwiebeln brauchte, die ich zu Hause nicht hatte. Und meine Gedanken kreisten noch um etwas ganz anderes. Sie hatte wohl Feierabend. Und vor allem: Sie hatte es nicht auf Erotik angelegt. Sie war gut gekleidet, eher ein bisschen konservativ-verschlossen vom Stil her.

Interviewer: Eine nicht-erotische Situation ist also erotisch?

Castorp: Eine nicht-erotische Situation hat die Chance, erotisch rüberzukommen. Was ich zutiefst unerotisch finde, sind so genannte erotische Situationen.

Interviewer: Die Frau in Reizwäsche?

Castorp: Zum Beispiel. Reizwäsche ist darauf angelegt, erotisch zu wirken. Reizwäsche ist Manipulation. Ich verabscheue Manipulation.

Interviewer: Sie reagieren also nicht auf "plumpe" erotische Reize?

Plump und phantasielos. Offensichtlicher
erotischer Reiz
Castorp: Was heisst nicht reagieren? Doch, ich reagiere schon. Aber diese simplem Reize - erotische Bilder und Pornos verbrauchen sich. Es ist wie mit einer Droge. Irgendwann hat man das Gefühl, dass man das braucht, um in Stimmung zu kommen. Und dass man die Dosis erhöhen muss. Oder der Stoff muss härter werden. So erkläre ich mir auch diesen ganzen Sado-Maso-Krimskrams, der im Moment gerade so waaahhhnsinnig erotisch sein soll.

Interviewer: 50 Shades of Grey?

Castorp: Ich habe dieses Buch nicht gelesen und ich kann darüber kein Urteil abgeben. Aber ein Buch, das sich als "erotisch" ankündigt, hat gute Chancen, auf mich nicht erotisch zu wirken.

Interviewer: Auf andere schon.

Castorp: Offenbar. Obwohl ich denke, dass da auch ein gerüttelt Mass Herdentrieb dabei ist. Wenn etwas medial gepusht ist, dann wird das von vielen konsumiert und vordergründig für gut, aufregend befunden. Man will ja dazugehören, vor allem wenn es um Erotik geht. Niemand will als prüde dastehen. Vielleicht reden sich viele Frauen da nur ein, dass sie das erotisch finden. Aber wer weiss, vielleicht finden einige das ja wirklich erotisch.

Interviewer: Was sind das für Leute?

Castorp: Ui, bringen Sie mich bitte nicht zum Psychologisieren.

Interviewer: Ok, Eine Leseprobe.... nach Zufallsprinzip von Dornröschen abgekupfert.

Castorp: Danke, Dornröschen!

Interviewer:  "Tief durchatmen, Anastasia, tief durchatmen. Ich stelle dich jetzt wieder auf die Füße", verkündet er und schiebt mich sanft weg.
NEIN! schreit mein Unterbewusstsein auf, als er sich von mir löst. Plötzlich fühle ich mich sehr einsam. Seine Hände liegen auf meinen Schultern; ich bin eine Armeslänge von ihm entfernt. Er beobachtet aufmerksam meine Reaktion. Und nur ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Ich wollte geküsst werden, habe das verdammt offen gezeigt, und er hat`s nicht getan. Er begehrt mich nicht.

Castorp: Ein bisschen zu viele Adjektive. Und "Anastasia".... das ist niveaulos. "verkündet er"... ok, das kann ein Übersetzungslapsus sein. "Das Unterbewusstsein schreit auf". Ach du liebe Güte!

Interviewer: Und sonst?

Castorp: Was soll ich sagen? Die Passage ist darauf angelegt, erotisch zu sein. Das nehme ich ganz anders wahr, als wenn sich Erotik beim Lesen sozusagen einschleicht.

Interviewer: Geben Sie doch einmal ein Beispiel:

Castorp: "In den nächsten zwei Stunden achtete Denise in erster Linie auf ihre Hand, die sie in bequemer Reichweite von Robins Hand auf das Sofakissen gelegt hatte. Die Hand fühlte sich dort nicht wohl, sie wollte zurückgezogen werden, aber Denise war nicht bereit, das mühsam erkämpfte Terrain wieder aufzugeben."

aus Jonathan Franzen: Korrekturen

Interviewer: Was macht diese Textstelle erotisch?

Castorp: Denise ist eine geschiedene Frau, um die dreissig Jahre alt, beruflich äusserst erfolgreich. Mit Sex hatte sie bisher nicht viel am Hut. Seit ihrer Scheidung entdeckt sie nach und nach ihre Homosexualität. Eine kurze Affaire blieb noch ohne grosse Konsequenzen. Doch Robin, ihrerseits verheiratet, ist eine ungeheuerliche Versuchung. Man spürt in dieser Szene die Unsicherheit und das Verlangen zugleich. Das macht es besonders. Ausserdem spüre ich bei Franzen Humor. Der fehlt in diesen explizit erotischen Produkten in der Regel völlig. Und es ist eben kein erotischer Roman, obwohl Sex und Erotik eine wichtige Rolle spielen. Aber nicht die einzige. Es geht in dem Roman um Idealismus, und darum, wie man die Realität korrigiert (daher der Titel), wenn sie nicht dem Ideal entspricht. Oder auch um Irrtümer im Leben, die man zurecht korrigiert.

Interviewer: Kommen wir noch einmal zurück zu ihrer erotischen Begegnung. Was war diese Begegnung denn für Sie?

Castorp: Eine Begegnung eben. Nein, nicht einmal das. Es war einfach eine Überraschung, dass das zu diesem Zeitpunkt kommt. Meine beste Freundin hat sich von mir abgewendet, und das hat mich niedergeschlagen gemacht. Das tut es auch heute noch. Doch da war aus heiterem Himmel für ein paar Minuten diese ausgelassene Stimmung. Aus dieser Stimmung heraus habe ich die Frau auch beobachtet. Diskret, glauben Sie mir! Ich bin sogar diskret, wenn ich gar nicht diskret sein sollte. Ich hätte diese Frau nie im Leben angesprochen oder sonstwie versucht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Ich kenne diese Frau nicht und will sie auch nicht kennenlernen.

Interviewer: Sie haben ein bisschen hinter die Fassade geschaut....

Castorp: Ja, ihr Einkaufskorb. Beziehungsweise dessen Inhalt. Das war sehr speziell. Da habe ich mich einen Augenblick lang gefragt, wer sie ist. Wer kauft eine halbe Stunde vor Ladenschluss noch diese Süssigkeiten ein? Und sonst gar nichts?

Interviewer: Wir werden es nie erfahren.

Castorp: Wahrscheinlich nicht. Und daran liegt auch ein Teil der Erotik. Diese Begegnung liess der Phantasie Raum.

3 Kommentare:

  1. Wunderbar, lieber Herr Castorp! Danke für diesen Lesegenuss!

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    1. Es tut immer wieder gut zu lesen, dass das eigene Geschreibsel andern Freude macht. Ich trage mich mit dem Gedanken, diesem Post eine "Typologie der Erotik" folgen zu lassen. Das wäre dann etwas trockenere Kost.

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  2. In der Tat neige ich zur Ansicht, dass die Wahrnehmung von Erotik eine Eigenaktivität des Betrachters / der Batrachterin voraussetzt, dass die Wahrnehmung von Erotik wie jede Form von Wahrnehmung konstruktivistisch ist oder zumindest grosse konstruktivistische Anteile hat. Es geht darum, dass wir unser Empfinden kultivieren, es schärfen. Dabei kommt der sprachlichen Artikulation eine wichtige Rolle zu.

    Wenn man aber zu faul oder zu phantasielos ist, um das eigene Empfinden zu entdecken und sich damit ein Leben lang auseinanderzusetzen, greift man gerne auf Gefühlsschablonen zurück, die einem etwa in der Trivialkultur zur Verfügung gestellt werden.

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