Montag, 2. April 2012

Eheberatung mit Dr.Castorp (2): Die falschen Zutaten 1

Interviewer: Es gibt also keine geheime Zutat?

Castorp: So ist es

Interviewer: Auch nicht die Liebe?

Castorp: Diese Antwort auf die Frage nach der geheimen Zutat liegt natürlich auf der Hand. Aber diese Antwort führt uns nicht weiter. Wenn die Liebe da ist, dann ist alles gut. Wenn sie ausbleibt, dann geht die Beziehung zu Ende. Und ehrlich gesagt: So geheim ist die Zutat "Liebe" nun auch wieder nicht.

Interviewer: Dann kehren wir zurück zur Ursprungsfrage: Wie kann man eine glückliche, dauerhafte Beziehung führen? Wenn es keine geheime Zutat gibt, dann könnten das ja theoretisch alle, die das wollen. Und das sind die meisten.


Mrs. Smith zielt auf Mr. Smith. Was im Film lustig ist,
ergibt nicht unbedingt eine gute Ehe.
Castorp: Wenn Sie erlauben, kehre ich nochmals zurück zum Bild mit der Suppe. Wir kochen also eine ganz gewöhnliche Nudelsuppe, glauben aber, dass eine besondere Zutat sie unwiderstehlich macht. Diesen Glauben aufrecht zu erhalten ist aber sehr schwer, wenn wir die falschen Zutaten beifügen. Denn wenn wir unappetitliches Zeug in die Suppe geben, schmeckt sie nicht. Tja, und dann wird es schwierig mit dem Glauben.

Interviewer: Das ist es, was in den berühmten 50% aller Ehen geschieht? Falsche Zutaten führen zu den Scheidungen?

Castorp: Ich denke, dass dies in sehr vielen Fällen so ist, ja.

Interviewer: Welche Zutaten sollte man nicht in die Ehesuppe geben?

Castorp: Am unverträglichsten ist die Zutat des Machtkampfs. Wenn die Partner miteinander konkurrieren, anstatt zusammenzuleben. Zum Beispiel wenn es darum geht, Recht zu haben. Kürzlich meinte meine Tochter, ich würde meistens nachgeben, wenn ich und ihre Mutter zusammen diskutieren. Das war mir bisher noch nie aufgefallen.

Interviewer: Aha! Dann ist das mit der glücklichen Ehe nur ein Etikettenschwindel. Einer von beiden gibt einfach immer nach - in Ihrer Ehe offensichtlich Sie - , und dann funktioniert es. Alphaltier und Betatier?

Castorp: Glauben Sie mir: Genau das habe ich mich auch gefragt, nachdem mir meine Tochter das mit dem Nachgeben gesagt hat. Aber ich habe gesucht und gesucht... Nach Frustrationsgefühl in mir. Nach Angst, meiner Frau zu widersprechen. Nach Unvermögen, meine Meinung durchzusetzen, wenn ich sie für richtig halte. Aber da war nichts.

Interviewer: Sie sind also ganz einfach ein megakompatibler Partner, der sich immer anpasst, ohne dabei zu leiden.

Castorp: Auch über diese Möglichkeit habe ich nachgedacht. Aber auch da: Fehlanzeige. Ich gelte im Allgemeinen eher als rechthaberischer Besserwisser denn als Duckmäuser.

Interviewer: Was ist es dann?

Castorp: Es spielt einfach keine Rolle, wer Recht hat und wer nicht? Ich muss in meiner Ehe nichts beweisen. Meine Frau ist nicht meine Konkurrentin. Sie ist meine Frau. Mit ihr kann ich sprechen, mit ihr kann ich diskutieren, mit ihr kann ich nach besten Lösungen suchen. Von wem die schliesslich kommt, ist völlig egal. Und sie hält das genau so. Auch wenn es abgedroschen klingt. Aber wir sind ein Team.

Interviewer: Sie schliessen jetzt aus eigenen Erfahrungen auf andere.

Wenn die Ehe zum Machtkampf wird,
gehen die Lichter aus.
Castorp: Mag sein. Aber wenn sich Paare darum streiten, wie man am besten die Messer in die Geschirrspülmaschine stellt oder ob die Wäscheklammern an der Leine hängenbleiben, bzw. in den Sack zurückkommen, dann läuft irgendetwas schief. An solchen Lappalien entbrennen Machtkämpfe. Das wäre an und für sich ja noch ganz wichtig. Schwierig wird es, wenn wirklich wichtige Fragen zu Machtkämpfen mutieren: Erziehungsfragen rund um die Kinder, finanzielle Angelegenheiten. Es gibt auch ganz üble Formen von Machtkampf: Wenn man auf den Schwächen des Partners herumreitet. Oder man eigene Stärken gegen den Partner ausspielt. Oder wenn Geld oder Sex als Druckmittel eingesetzt werden. Generell sage ich: Wenn in Beziehungen Machtkämpfe ausbrechen, dann sollten die Warnglocken erklingen.

Interviewer: Und jene Beziehungen, in denen die Teller fliegen und dann ganz wilder Sex folgt?


Castorp: Solche Beziehungen mag es geben. Aber ich habe meine Zweifel, ob sie die Menschen glücklich machen.

Interviewer: Was kann man gegen Machtkämpfe machen?

Castorp: Wenn sie erstmal da sind, wird es schwierig. Da hilft oft nur noch der Gang in die Ehetherapie. Aber es gibt Impfstoffe.

Interviewer: Die da wären?

Castorp: Zweifel an sich selber und Neugier auf die andere Person. Zweifel an den eigenen Ansichten und Neugier, ob der andere vielleicht Recht hat.

Interviewer: Gibt es neben dem Machtkampf noch andere Zutaten, die nicht in die Suppe gehören?

Castorp: Ja. Aber der Machtkampf ist meines Erachtens mit Abstand die unverträglichste Zutat.

Interviewer: Was belegt den zweiten Platz?

Castorp: Eine Vielzahl von No-Go's; Falsche Erwartungen, das Ziel, den Partner ändern zu wollen, fehlende oder falsche Kommunikation, Beziehungen als Konsumgut... Der Möglichkeiten gibt es viele. An die zweite Stelle setze ich aber: Fehlende Augenhöhe.

Interviewer: Davon das nächste Mal! Genug für heute!

Castorp: Recht haben Sie! Aber vorher noch......


To be continued.

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