Montag, 9. April 2012

Eheberatung mit Dr.Dr.Dr. Castorp (7): Oh My Love!

Interviewer: Ich möchte gar nicht erst um den heissen Brei reden. Sie sind Frau Castorp untreu geworden.

Castorp: Ich habe sie beschissen.

Interviewer: Sagte Frau Notos. Nachzulesen in den Kommentaren zu diesem Post.

Castorp: Und sie schwieg daraufhin beharrlich. Aber Sie fragen ja nicht nach Frau Notos, sondern nach meiner Untreue.

Interviewer: Genau. Warum betrügen, wenn Sie doch glücklich sind?

Castorp: Alles, was ich jetzt sage, muss zwangsläufig nach billiger Rechtfertigung klingen. Aber egal. Es war eine Mischung aus Sucht nach Selbstbestätigung, Neugier und ... hm ... wie nenne ich es, ach egal, aus Dummheit, die mich dazu brachte.

Interviewer: Die Dummheit ist erkärungsbedürftig.

Dichter und Denker der Liebe: Max Frisch
Castorp: Kennen Sie Max Frischs Satz über die italienischen Immigranten? "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen."

Interviewer: Jetzt kann ich nicht mehr richtig folgen....

Castorp: So habe ich es beim Fremdgehen erlebt. Ich habe einen Seitensprung gerufen, und es ist eine Frau gekommen. Eine Frau mit ihrem Leben, das mich zu interessieren begann, eine verdammt gut aussehende Frau, zu allem Überfluss noch mit Charme, mit Witz. Gefährliche Sache!

Interviewer: Was hatten Sie den erwartet?

Castorp: Ich habe keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Ich hatte mir keine Gedanken gemacht, und das war das unendlich Dumme dabei.

Interviewer: Bereuen Sie es?

Castorp: Ich bin nicht stolz darauf. Aber bereuen? Das wäre nicht fair, es so auszudrücken, weil es nicht so ist.

Interviewer: Was, wenn Frau Castorp fremdginge?

Castorp: Ich wäre nicht in der Situation, ihr einen Strick daraus zu drehen. Schauen Sie... für mich stand nie in Frage, ob ich meine Frau zu verlasse. Ich werde sie nie verlassen. Ich weiss nicht, was passieren müsste, damit ich sie verlassen würde. Wenn das für meine Frau auch so wäre, könnte ich ihr Fremdgehen ertragen, denke ich. Aber man weiss nie, wie sich so etwas anfühlt, bis es soweit ist.

Interviewer: Wir sprechen heute über Max Frisch. Du sollst dir kein Bildnis machen.

Castorp: Ein zentrales Gebot der Bibel. Neben dem Gebot der Nächstenliebe. Eigentlich stehen sich diese Gebote sehr nahe. Nur dass in der Bibel verboten ist, sich ein Bild von Gott zu machen. Frisch meint, man solle sich kein Bild von der geliebten Person machen.

Interviewer: Was meint Frisch damit?

Castorp: Ich verstehe das so: Wir sollen unser geliebtes Gegenüber nie definitiv auf etwas festnageln. Damit würden wir dieses Gegenüber in seiner Entwicklung hemmen, zurückhalten. Das wäre das Gegenteil der Liebe. In der Liebe sieht der Liebende immer die Möglichkeiten, die im Geliebten schlummern, vielleicht noch mehr als dieser selber. Wenn ich aber sage: "So und so bist du. So liebe ich dich."Dann verpflichte ich mein Gegenüber. Ich beraube es seiner Freiheit. Denn die Sehnsucht, geliebt zu werden, lässt einen viele Dinge tun, die nicht gut für einen sind. Es liegt in der Verantwortung des Liebenden, diese Sehnsucht nicht auszunutzen, sondern sie vielmehr zum Nutzen des Geliebten zu machen.

Sünde wider die Liebe: Der Tanz ums goldene Kalb.
Interviewer: Die geliebte Person zu ermutigen, anders zu sein, als sie bisher gewesen ist?

Castorp: Etwas anderes zu versuchen, wenn er oder sie dies will. Offen sein. Neugierig sein, was in der geliebten Person noch steckt. Welche Möglichkeiten noch da sind.

Interviewer: Auch die Möglichkeit, dass man fremd geht? Oder eine offene Beziehung führt?

Castorp:  Ersteres ganz sicher. Wenn ich liebe, dann bin ich überzeugt, dass die geliebte Person auf jeden Fall auch für andere attraktiv sein muss. Wenn ich genug Vertrauen habe - auch in mich selber - dann geniesse ich dieses Gefühl. Die offene Beziehung ist aber ein ganz anderes Paar Schuhe.

Interviewer: Ja, es ist die offene und ehrliche Form des Fremdgehens. Fremdgehen ohne Beschiss.

Castorp: Das erscheint auf den ersten Blick in der Tat attraktiv. Doch bedenken Sie, und ich wiederhole mich hier nicht mehr lange: Die meisten Menschen in unserer Kultur sind nicht dafür gemacht, eine offene Beziehung auszuhalten. Ich bin überzeugt: Selbst die ganz ganz Coolen unter uns, die das "handeln" können, haben tief in ihrem Inneren eine grosse Sehnsucht nach Exklusivität. Danach, dass ich dazugehöre und der andere nicht. Nach diesem grossen Gefühl: Ich bin gemeint. Nicht der andere. Nach dieser Verankerung, nach diesem Halt im Leben, das sonst nur die trübe Sicherheit bereit hält, dass es mit dem Tod zu Ende geht.

Interviewer: Was für ein Schlusssatz! Ich hoffe, heute fällt Ihnen ein, welche Musik wir abspielen könnten.

Castorp: Na klar.

Interviewer: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Castorp: Und ich danke Ihnen für die Fragen. Not to be continued. Musik ab!






4 Kommentare:

  1. Lieber castorp,

    was würde wohl Frau Seitensprung beim Lesen deines postes fühlen. "verdammt gut aussehend, interessant mit Charme und Witz" Und sicher noch intelligent. Okay, sehr schmeichelnd, aber doch irgendwie selbstverständlich. Sei ehrlich, wäre sie für dich nicht das, hättest du sie doch gar nicht wahrgenommen. Warum beschreibst du es/sie nicht mit... es war schön, aufregend, etwas Besonderes, wertvoll, wundervoll, und ich wurde begehrt, ich habe begehrt und genossen... oder etwa nicht? Stattdessen schreibst du es, Frau dabei für mich gefühlt austauschbar, deiner Neugier und deinem Bedürfnis nach Selbstbestätigung zu und benutzt das Wort "Dummheit". Oder weil du vielleicht heute noch oft wohlwollend, vielleicht sogar sehr sehnsüchtig an diese Frau denkst. Dummheit deswegen!?? Wenn ja, dann fehlt dir doch etwas in deiner Ehe, die du so hoch lobst. Manchmal beschleicht mich bei deinen posts, dass du dir da etwas schön redest. Das Dumme am Seitensprung wäre dann, dass dir dies immer klarer wird.
    Sorry und lieben Gruß
    morgenrot

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  2. Liebe Morgenrot

    Ich kann deiner Logik leider nicht ganz folgen. Was ist daran selbstverständlich, wenn eine Frau gut aussieht und Charme und Witz hat? Austauschbar? Da kann ich dir schon eher folgen. Als ich aktiv nach einer Möglichkeit zum Seitensprung gesucht habe, hätte es auch eine andere Frau sein können. Aber es wurde diese. Besonders und unaustauschbar wurde sie erst mit der Zeit.

    Ich glaube, ich habe klar beschrieben, was ich im Nachhinein als dumm empfinde. Ich hatte mir nichts überlegt. Ich hatte mir vorgestellt, dass es um Sex gehen würde, dass die Begegnungen mit ihr isolierte Ereignisse sein würden, die meinen Alltag nicht tangieren.

    Wie kommst du darauf, dass ich mir bei meiner Ehe etwas schön rede. Ich schreibe ja sehr wenig über meine Ehe, ausser dass sie glücklich ist. Sorry, wenn ich nicht mit einer Geschichte über eine unglückliche Ehe dienen kann. Sie i s t nunmal glücklich. Ich liebe meine Frau. Gerade das ist mir unter anderem durch den Seitensprung klarer geworden.

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  3. Logisch ist es nicht selbstverständlich, dass man(n) eine Frau attraktiv und charmant findet, aber doch wohl die, mit der er sich auf einen Seitenspung einlässt. Schön, dass deine Ehe glücklich ist und ich mich irre.

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  4. Auch noch etwas, was ich für mich gelernt habe: Für einen Seitensprung, bei dem es nur um Sex gehen soll, lieber keine charmante Frau mit Witz und Humor! Intelligent und gut aussehend, das würde wahrscheinlich gehen.

    Du sprichst in deinem ersten Kommentar noch ein Thema an, das mich ins Grübeln gebracht hat. Wie schreibt man über Sex. Die Beschreibungen, die du vorschlägst, beschreiben wohl den Sex im Allgemeinen, aber sie beschreiben in keiner Weise den Sex, den ich beim Seitensprung hatte. Der war eben individuell und unvergleichlich, so wie die Frau, mit welcher ich Sex hatte. Ich wüsste nicht, wie ich ihn beschreiben sollte.

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