Mittwoch, 14. März 2012

12 Gedanken zu Nähe und Beengung


Gestern bin ich bei Morgenrot über die folgende Gedichtzeile gestolpert:

Gedanke Nr.1

Ach nein!  Muss das sein? Diese Träumerei, man könne das eine haben und das andere auch, wenn möglich gleich noch eine doppelte Portion von beidem? Sind wir denn wirklich wie kleine Kinder geworden, die noch nicht gelernt haben, dass man nicht alles haben kann, worauf man gerade Lust hat? Wie beharrlich lässt sich die Realität menschlicher Gefühle noch leugnen? Nicht der schönen idealisierten Gefühle, wie wir sie gerne hätten. Der richtigen Gefühle. Auch der unschönen - zum Beispiel Angst. Oder Eifersucht. Was ja eigentlich das gleiche ist. Gefühle in der ganzen Spannbreite.

Gedanke Nr. 2


Nein, Castorp, du schreibst jetzt keinen Kommentar. Lass die Leute träumen. Lass Morgenrot träumen. Sie liest gerne in deinem Blog, verdirb es nicht mit ihr. Halt einfach dein Maul!

Gedanke Nr. 3


....

(Kommentar bei Morgenrot deponiert)

Gedanke Nr.4

Lass es bei dem Kommentar bewenden, nicht noch ein Blogeintrag mit dem leidigen Thema! Andererseits... Ist ja mein Blog. Und wenn jemand etwas dazu loswerden will, kann er oder sie ja kommentieren. Ich zensiere hier keinen!



Gedanke Nr. 5


Natürlich entsteht durch Nähe Beengung. Entweder es wird eng oder es bleibt unverbindlich. Nähe muss man zulassen, sonst stellt sie sich nicht ein. Entweder oder. Meine Frau will mich mit keiner anderen Frau oder gleich mehreren teilen. Ganz klar. Und ich sie nicht mit anderen Männern. Und sie will Zeit mit mir verbringen, und ich mit ihr. Selten genug sind die Momente, in welchen wir zu zweit sind, und dann meist abends, nach der Arbeit, die bei uns beiden ausgefüllt ist mit Kommunikation. Da wollen wir auch mal unsere Ruhe haben und etwas Musik hören. Und nichts sagen. Nur zuhören.



Gedanke Nr. 6


Wo wäre ich als Mensch, als Mann, als Persönlichkeit ohne die 23 Jahre mit meiner Frau? Wo wäre ich ohne die Kinder (auch das enge Bindungen)? Ich wäre sicher freier. Niemand, der fragt, wo ich gewesen bin, wenn ich mal später nach Hause komme. Aber auch niemand, der sich Sorgen macht. Niemand, mit dem ich mich zusammen weiterentwickeln kann. Mit dem ich dorthin komme, wohin ich allein nie gekommen wäre. Keine Intensität. Alles etwas lau und langweilig. Eine Langeweile, die ich vielleicht durch Aktionismus ausfüllen müsste. Abenteuer mit immer wieder neuen Frauen. Experimente beim Sex. Nichts auslassen, und doch nirgendwohin gelangen. Was habe ich schon alles durch? Was kann es noch bringen, wonach ich mich eigentlich sehne?



Gedanke Nr. 7

Nähe geht an mir nicht spurlos vorbei. Sie führt zu Bindung, wenn mir die Person, die mir nahe kommt, etwas bedeutet. Auch wenn das gar nicht so geplant war. Eigentlich ganz anders geplant war. So bin ich. So funktioniere ich. Das habe ich auch herausgefunden.

Gedanke Nr. 8


Aber gibt es nicht die Momente, in welchen ich das Alleinsein geniesse? Die Fahrten mit der Eisenbahn, ohne bestimmtes Ziel? Ohne Aufgabe? Niemand, der etwas von mir will? Und geniesse ich nicht diese Momente gerade ihrer Ungebundenheit wegen?



Gedanke Nr. 9

Aber geniesse ich die Momente der Ungebundenheit nicht gerade deshalb, weil ich immer wieder in meine Bindungen zurückfallen kann? Und will. Weil ich sicher bin, dass ich nicht allein bleibe, nicht allein bin?

Gedanke Nr. 10


Doch meine Ehe ist keine Versicherung gegen das Alleinsein. Vielleicht bin ich morgen schon allein. Wer kann das wissen? Und die Kinder gehen immer mehr ihren eigenen Weg. Gestern war ich im Zoo und musste daran denken, wie lange ich nicht mehr da war. Früher ganz oft, als die Kinder klein waren. Die Zeit vergeht und alles ist im Fluss. Und sterben werde ich sowieso allein - auch wenn in jenem Moment jemand an meiner Seite sein sollte. Diese Person wird weiterleben, im Gegensatz zu mir.



Gedanke Nr. 11

Aber ist das ein Grund, im Leben allein zu bleiben bis es soweit ist mit dem Sterben? Nur weil  es gerade etwas eng ist? Meine Gefühle oder die Gefühle meiner Frau zu überfordern?

Gedanke Nr. 12

Nein.

6 Kommentare:

  1. Du schreibst mir aus der Seele :-)

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  2. sehr schöne tiefsinnige Gedanken.......

    Denke Frau Castorp kann sich glücklich schätzen.....

    viele Grüße

    Marylou

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    1. Danke, Marylou, für das schöne Kompliment. Es ist aber schon so, wie Frau Notos sagt. Ich habe Frau Castorp beschissen, und ich bin heilfroh, dass sie das nicht weiss. Und viele der schönen und tiefsinnigen Gedanken wären mir nicht bewusst geworden, hätte ich es nicht getan.

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  3. Eben nicht. Frau Castorp wird auch beschissen, weil Castorp doch auch fremd geht. Oder? Denke ich.

    Frau Notos

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    1. Liebe Frau Notos

      Sie richten Ihren Kommentar zwar nicht an mich - darf ich Ihnen dennoch antworten? Ja, Sie haben vollkommen Recht. Ich habe Frau Castorp beschissen. Ihre Wortwahl mag drastisch erscheinen, aber ich kann Sie Ihnen nicht übel nehmen.

      Ich freue mich, wenn Sie bei mir lesen und kommentieren, auch wenn ich heute Morgen zugegebenermassen leer geschluckt habe.

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    2. Liebe Frau Notos

      Hier einen keck formulierten Kommentar zu platzieren in allen Ehren. Nach meiner Antwort an Sie bin ich aber irgendwie davon ausgegangen, dass Sie binnen 48 Stunden dann noch einmal reagieren. Ich will stark annehmen, dass Sie anderweitig zu tun hatten und sich recht bald melden. Ich lasse auch Herrn Notos ganz herzlich grüssen.

      Castorp

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