Was mich besonders interessiert hat: Wie man einerseits in gesellschaftlichen Schranken gefangen ist, von diesen aber auch profitieren kann und gleichzeitig doch die Ungerechtigkeit solcher Schranken empfindet. Das Buch ist damit ein Manifest für die Universalität ethischer Grundwerte. Die Hauptfigur, Amir, wird als Kind eines reichen Paschtunen wird gegenüber Hassan, dem Kind eines "minderwertigen" Hazara bevorzugt. Die beiden empfinden Freundschaft füreinander, doch gegenüber anderen Kindern bleibt Hassan der Diener und auch Hassan selbst ist Amir bedingungslos ergeben. Es gibt keine Gleichheit.
"The Kite Runner" ist auch ein Buch über Geheimnisse, das zweite Thema, das mich bei der Lektüre interessiert hat. Hauptaussage: Raus mit den Geheimnissen! Nur... Wozu? Das wird nie wirklich klar. Dass auch das hehre Vorbild, der Vater Amirs, sein dunkles Geheimnis hat und Amir und Hassan sich am Ende als Halbbrüder entpuppen - war das wirklich nötig? Oder dass Sohrab, Hassans Sohn, sich die Pulsadern aufschneidet - musste das auch noch ins Buch rein?
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| Immer mal wieder im Dunstkreis des Kitsches: Hassan und Amir |
Doch richtig gute Bücher halten sich nie in dieser Grauzone auf. Sie sind für sich, sie stehen für sich. Dagegen wirkt "The Kite Runner" zu bemüht, alles richtig zu machen.
Mal sehen, was die Lesegruppe morgen dazu meint, wenn sie sich bei mir einfindet.


Ihr lest das in Englisch?
AntwortenLöschenMeine Mädels haben das in der Schule bearbeitet...
"Na ja...", war die Antwort, ob es sie irgendwie berührt hat.
Nicht jeder Bestseller schafft es in die Herzen.
Bin gespannt...
Oh, ein Kommentar! Ich dachte, niemand interessiere sich für meine Literaturposts. Schön, dich zu lesen.
LöschenIch habe es in Englisch gelesen. Die andern wohl auf Detusch. Wenn ich eine Weile lang nicht mehr in Englisch gelesen habe, dann stottert der Motor etwas, aber es ist immer wieder eine schöne Erfahrung, wie sich der Motor dann warm läuft und ich schliesslich beim Lesen vergesse, dass es gar nicht deutsch ist.
Berührend fand ich das Buch schon, wie die Hauptperson eigentlich guten Willens ist, ein Gefühl dafür hat, was richtig ist und was falsch, wie man handeln sollte oder nicht, aber dann doch scheitert und Schuld auf sich lädt. Das war der gute Teil. Der Sühneteil, wo er die Schuld gutmachen will, war dann doch für meinen Geschmack etwas zu melodramatisch.
"Kite-Runner" - kenne ich nicht. Dachte ich. Im Text wurde mir dann klar, das Buch kenne ich wohl, habe es voriges Jahr mal gelesen. Hieß aber "Der Drachenläufer". So doof kann das sein mit mangelnden Englischkenntnissen.
AntwortenLöschenKitschig oder nicht, es ist ein sehr schön gezeichneter Einblick in einen uns völlig fremden Kulturkreis und allein deswegen unbedingt lesenswert. Afghanistan kennen wir doch nur aus den (meist scheußlichen) Nachrichten, vorstellen kann man sich das Land kaum.
Gruß JurekP
Das ist auch mein Eindruck, Jurek. Ich fand den ersten Teil mit dem untergegangenen Afghanistan der 70er-Jahre sehr schön gezeichnet. Es war eine Art Paradies, aber eines mit Brüchen, wenn man an die soziale Diskrepanz zwischen Paschtunen und Hazara denkt, die also nur aufgrund der Ethnie besteht. Aber es ist ja auch die Sichtweise des Kindes, die dort sehr gut zum Tragen kommt. Das können übrigens nicht viele Autoren: Den Blickwinkel von Kindern glaubhaft darstellen.
LöschenKitschig wird der Roman im zweiten Teil, als nach dem "Schuld-Teil" der "Sühne-Teil" kommt. Wie kann Amir sein passives Zuschauen, als sein Freund-Diener zusammengeschlagen und vergewaltigt wird, wieder gutmachen? Da versucht der Autor zu viel Action in die Handlung zu bringen, was sicher Regisseure zu schätzen wissen, aber dem Buch selbst nicht gut tut.
Bin immer noch gespannt, was die Lesegruppe gesagt hat...;-)
AntwortenLöschenDie Lesegruppe hatte grösstenteils einen ähnlichen Eindruck wie ich. Subtil und stimmig im ersten Teil, dann etwas dick aufgetragen. Dass Amir ausgerechnet wieder auf Assef trifft, der Kampf, dann auch der Selbstmordversuch von Sohrab....das war etwas zu viel. Hier hätte auch das Lektorat eingreifen müssen, oder vielleicht eben gerade nicht, denn verkaufen tut sich das Buch immer noch sehr gut.
LöschenMerci!
LöschenJe t'en prie. :-)
LöschenMich hat das Buch damals sehr berührt. Ich bin so tief in der Geschichte versunken, war so stark mit den Figuren identifiziert, dass mir jede literaturkritische Distanz abhanden kam. Von daher wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, die Handlung kritisch zu hinterfragen. Es war dies eben Amirs Geschichte, und genauso ist sie passiert. Punkt. :-)
AntwortenLöschenKhaled Hosseinis Sprache fand ich großartig, und der Einblick in einen völlig fremden Kulturkreis war eine echte Bereicherung.
Schön, hier einen Kommentar von dir zu finden. Herzlich willkommen. Wir waren uns in der Gruppe auch einig darüber, dass uns das Buch interessante Einblicke in eine fremde Kultur ermöglicht. Dies gelingt ihm deshalb, weil er ja eigentlich in der westlichen Kultur und in seiner Ursprungskultur zu Hause ist und so eine Art Brückenfunktion hat. Besonders gelungen fand ich, dass er die eigene Kultur überhaupt nicht glorifiziert, sie auch nicht in Grund und Boden stampft, sondern eine sehr differenzierte Sicht vermitteln kann. Das ist wirklich eine Stärke des Buchs.
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