Was passiert, wenn man liebt, 16 Jahre lang zusammen ist und man nach einem Autounfall, bei welchem der geliebte Partner stirbt, plötzlich allein dasteht? Der Film "A Single Man" geht dieser Frage nach.
Der Film hat mir den Eindruck vermittelt, die Hauptperson steure selber ein Auto, dessen Lenkung aber durch einen technischen Defekt stark erschwert wird. Und das Auto fährt mit seinem Fahrer auf eine Kurve zu. Wird er die Kurve kriegen? Die Kurve zurück ins Leben?
Denn nach dem Tod seines langjährigen Partners Jim, mit dem er zusammengelebt hat, ist für George Falconer nichts mehr, wie es einmal war. Im Spiegel blickt ihm ein anderer Mensch entgegen. Gespenstisch ist die Stille im Haus. Erinnerungsfetzen an den Geliebten durchzucken seinen Alltag. Es ist, wie wenn ein Teil der Person weggebrochen wäre. Wie ein Geist wandelt er durch sein Haus, das einst das gemeinsame Heim war, fährt von dort zur Universität, wo er unterrichtet. Er trägt einen Revolver bei sich, bereit, seinem Leben oder dem, was davon übrig geblieben ist, ein Ende zu bereiten.
Ein Teil der eigenen Person ist weggebrochen. |
Die Welt lebt in diesen Tagen und Wochen in Angst. Die Kubakrise (Herbst 1962) lässt auch die Leute am Unicampus an den Radioempfängern bangen, doch auch dies perlt an George Falconer ab.
Immer wieder schön: Es gibt Hoffnungsfetzen, Angebote des Lebens. Das kleine Mädchen von der Nachbarsfamilie, die in ihrer kindlichen Unschuld sagt, ihr Vater möge ihn nicht, weil er vom "anderen Ufer" sei. Ein junger Student, der sich dem älteren Professor nähert, ein spanischer Stricher, mit dem sich ein zwangloses Gespräch und Sympathie anbahnt.
Hoffnungsfetzen, die ins Leben zurückführen sollen. |
Und da ist Charley. Zu ihr rannte George damals im strömenden Regen, nachdem er vom Tod Jims erfahren hatte. Mit ihr verbindet ihn eine alte Freundschaft, die in einem früheren Leben auch ihre intimen Momente gehabt hatte. Sie sind seelenverwandt: Hier der verwittwete George als single man, dort die geschiedene Charley als single woman.
Die grossartige Juliane Moore verkörpert die eifersüchtige Charley |
George und Charley essen zusammen in Charleys Haus, sie trinken, sind ausgelassen. In dieser Tanzszene (Booker T. & The MG's: Green Orion) wird klar, warum man den Drehplan auf den Kopf stellte, um Colin Firth diese Rolle spielen zu lassen. Niemand kann dieses Verhaltene, dieses Scheue, Gehemmte besser als er darstellen. Firth tanzt wie mit angezogener Bremse, linkisch und doch mit einer eigentümlichen Eleganz.
Doch dann kommt es zum Sündenfall. Jim sei lediglich ein Ersatz gewesen für eine richtige Beziehung, und damit meint Charley eine Beziehung zu einer Frau, genauer wohl zu ihr. So diffamiert sie die Liebe in Georges Leben. Aus purer Eifersucht, wie sie bald selber einräumt. Und damit wir klar, dass George und Charley nur scheinbare Seelenverwandte sind. Im Grunde genommen trennen sie Welten. George steht am Abgrund, aber hat geliebt. Sie hat nie wirklich geliebt, kann ihren einsamen Weg unangefochten weitergehen. Wer ist glücklicher? Eine müssige Frage.
"A Single Man" ist - banal, aber wahr - ein Film über die Liebe. Liebe als unvermeidliche Abhängigkeit, die sich einstellt, wenn man die Liebe seines Lebens gefunden hat und bereit ist, sich ihr hinzugeben. Man erahnt in den Rückblicken den Überschwang der Gefühle, die sich einstellen, wenn man zu dieser Hingabe bereit ist. Der Film handelt aber von der Schattenseite dieser Gefühle, und das ist die Verletzlichkeit, die zur grossen Schwäche wird, wenn sich die Katastrophe einstellt. Dennoch hat mich der Film mit der Überzeugung in den Alltag entlassen: Es ist besser, sich der Liebe hinzugeben und diese Verletzlichkeit zuzulassen als die Liebe nie erfahren zu haben. Lieber George als Charley sein.





Ich wäre auch lieber George. Trotz allem.
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