Montag, 21. November 2011

Noch einmal Fussball

Hat für mich noch keine Poesie entwickelt.
Weltliterat Enquist
Per Olov Enquists Roman "Ein anderes Leben" ist für den Lesegruppenabend am 2. Dezember vorgesehen. Eine Autobiographie, wenig packend, zuerst in der schwedischen Provinz herumsumpfend, dann in den Intellektuellenkreisen von Uppsala. So weit bin ich inzwischen mit Lesen gekommen. Die literarische Figur "Enquist" bleibt für mich unfassbar, konturlos. Phasenweise gleitet der Text ins uninspirierte Name-Dropping ab. Ich mag schon im Leben draussen jene Leute nicht, die immer mit Namen um sich schmeissen und davon ausgehen, dass ich sie zu kennen habe. Wenn ich ein Buch lese, will ich das noch viel weniger. 


Eine der berühmtesten Spielszenen in der
Geschichte des Fussballs:
Maradona gegen den englischen Torhüter Shilton
Und so sind es denn einzelne Episoden, die mich vor dem Einnicken bewahren. Und zur Not muss man diese auch mal durch illegales Vorwärtsblättern ergattern. In genau 70 Seiten wird der in seiner Jugend sehr sportliche Enquist (er schaffte fast mal 2 Meter im Hochsprung, aber eben nur fast...) zum Beispiel an die Endrunde der Fussballweltmeisterschaft 1986 in Mexico (der Maradona-Sommer, ja, da wo die Hand Gottes zum Einsatz kam) geschickt. Vor dem Spiel Dänemark gegen Deutschland (die dänische Wunderelf, das legendäre "Danish Dynamite" mit Laudrup, Elkjär Larsen, Morten Olsen und Konsorten) hebt Enquist das Kabel einer ZDF-Kamera hilfsbereit auf und folgt dem Fernsehteam von den zahlreichen mexikanischen Sicherheitskräften unkontrolliert hinter das dänische Tor.


Dort erhoffen sich die ZDF-Reporter wohl deutsche Tore für die Nachwelt festzuhalten. Daraus wird an diesem Tag aber nichts, weil Dänemark 2:0 gewinnt. Das Resultat verschweigt uns Enquist aber. Dafür belehrt er uns mit einer stupenden Weisheit:


"Aus dieser Perspektive, also nicht aus der Sicht des hohen Tribünenplatzes, die auch die Perspektive des Fernsehzuschauers ist, verwandelt sich die Logik des Spiels. Die Tiefensicht wird reduziert, die freien Flächen werden verdeckt und verschwinden. "


Das wissen eigentlich alle, die schon einmal Fussball gespielt haben....


Richtig lustig wird es gleich anschliessend. Enquist hat sich also mit dem ZDF-Team hinter dem dänischen Torwart installiert. Er hat grosses Mitleid mit demselben, da die "deutschen Büffel donnernd mit hohem Tempo" daherkamen. Völler, Allofs? Büffel? Littbarski???? Egal! Festgefahrene Bilder (sprachlich sich Ausdruck gebend in Allgemeinplätzen) sind sooo schön, sei es bei Deutschen oder bei Männern im Allgemeinen. Egal! 
Deutscher Büffel Littbarski (1986)
In der Pause dann - jetzt kommt die lustige Episode - muss Enquist aufs Klo. Da sein dringendes Bedürfnis bei dem Zuschauerauflauf nicht diskret zu befriedigen ist, geht er in die Gänge des Stadions. Hoffnungsvoll wendet er sich einer offenen Tür zu und steht - tadahhh - in der Spielerkabine der Deutschen. Originalton Enquist:


" Er (Wie Julius Cäsar schreibt Enquist von sich in der dritten Person, Anmerkung des Verfassers)  befindet sich  im Umkleideraum der deutschen Mannschaft, alle Spieler (Hat er sie gezählt?, Anmerkung des Verfassers) sitzen auf ihren Bänken, und es ist vollkommen still. In der Mitte steht Franz Beckenbauer, der Trainer (Falsch!! Der Teamchef, Anmerkung des Verfassers, Erklärung folgt später), im schicken Anzug und in lockerer Haltung; der wendet sich ihm zu, sagt nichts, aber man kann seine Miene als fragend auffassen, eventuell höflich kritisch dem Eindringling gegenüber."


Teamchef Beckenbauer 1986
Eben. Franz Beckenbauer war natürlich nie Trainer. Dazu hätte er eine Trainerschulung durchlaufen müssen. Man stelle sich diese Ungeheuerlichkeit vor. Franz Beckenbauer, der Kaiser, sitzt in der Schulbank und lässt sich von irgendeinem dahergelaufenen Sportlehrer etwas über Fussball erklären. Absurder geht es nicht. Darum: Teamchef. Und zwar einer, der Deutschland zur Vizeweltmeisterschaft und zur Weltmeisterschaft geführt hat. 

Auf vielfachen Wunsch: Die Hand Gottes im Original ;-) 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen