Dienstag, 29. November 2011

Treue zum zweiten: Anna

Castorp: Guten Abend. Würden Sie sich kurz vorstellen?

Anna: Guten Abend, Herr Castorp, ich heisse Anna. Mein Nachname tut hier nichts zur Sache.

Castorp: Sie haben uns etwas zum Thema Treue zu erzählen?

Anna: Das will ich meinen. Mein Mann! Seit acht Jahren sind wir jetzt verheiratet. Und jetzt das!

Castorp: Was ist vorgefallen? War er nach acht Jahren mit einer anderen Frau im Bett?

Anna: Nein. Manchmal wünschte ich, es wäre so banal. Es ist viel schlimmer.

Castorp: Jetzt machen sie mich aber neugierig.

Anna: Sie wollen sich bloss am Unglück anderer Leute aufgeilen....

Castorp: Das ist jetzt aber eine Unterstellung. Ich wollte Sie nur ermuntern, ....

Anna: Schon gut. Ich kann es Ihnen ja nicht verdenken. An Ihrer Stelle würde ich wohl auch neugierig die Ohren spitzen. Also gut (holt tief Luft): Ich habe kürzlich diese E-Mails von meinem Mann entdeckt. Rein zufällig. Er hat sie sich ausgedruckt.

Castrop: Er hat Mailverkehr mit einer anderen Frau. Wie in diesem Buch von dem Glattauer.

Anna: Nein, nicht genau so. Er schreib mit einem Mann.

Castorp: Ihr Mann ist homosexuell oder bisexuell?

Anna: Davon hätte ich noch nichts gemerkt. Nein. Er tauscht mit diesem anderen Mann, mit Werner, diese widerlichen Phantasien aus.

Castorp: Phantasien? Welche Art von Phantasien?

Anna: Na, sexuelle Phantasien natürlich! Was haben Sie denn geglaubt?

Castorp: Moment. Ihr Mann hat seit einiger Zeit....

Anna: Seit sieben Monaten.

Castorp: .... seit sieben Monaten E-Mail-Verkehr mit einem Mann, in welchem die beiden sexuelle Phantasien austauschen?

Anna: Ja. So ist es leider.

Castorp: Kennen Sie diesen Mann?

Anna: Gott behüte, nein! Und mein Mann kennt ihn im Prinzip auch nicht. Die beiden sind sich in im Internet begegnet, in irgendeinem einschlägigen Chatroom. Da sind sie offenbar ins Gespräch gekommen und haben herausgefunden, dass die die gleichen sexuellen Vorlieben haben.
           
Castorp: Phantasien.

Anna: Phantasien, Vorlieben, wo ist da der Unterschied?

Castorp: Ich bin ja kein Experte auf dem Gebiet, aber Vorlieben lebt man aus, Phantasien nicht unbedingt.
             
Anna: Jetzt reden Sie schon wie mein Mann.

Castorp: Worum geht es denn in diesen Phantasien?

Anna: Darf ich das hier sagen? Es ist schon relativ happig.

Castorp: Sie haben Recht. Ich habe auf einem anderen Blog von einem Mann kürzlich gelesen, dass ein Post über Rouladen als anstössig taxiert wurde.
             
Anna: Rouladen?

Castorp: Ja, Rouladen.

Anna: Macht der Herr unanständige Sachen mit den Rouladen?

Castorp: Ich habe nicht den Eindruck. Aber Sie wollten doch über die sexuellen Phantasien Ihres Mannes berichten.

Anna: Na ja, wollen. Aber egal. Also, was mich am meisten schockiert hat, sind die Worte, die ihn in diesen Phantasien scharf machen.

Castorp: Kommen Sie selber denn in diesen Phantasien vor?

Anna: Nein. Ich habe ihn ja zur Rede gestellt und er meinte, er hätte zu grosse Achtung und Respekt vor mir, um mich in diese Phantasien einzubauen. Es kommen 17-jährige Mädchen vor, Mädchen, junge Frauen... und die tragen diese Turnschuhe, die jetzt bei den jungen Leuten so in Mode sind. Und dieser Werner, der ist auch auf diese Schuhe fixiert. Und beide finden es geil, also, eben.. mit diesen Worten die Mädchen, und dann stellen sie sich vor, wie sie zusammen auf diese Schuhe... Ich will das hier nicht aussprechen.

Castorp: Das kann ich verstehen. Aber es sind Phantasien. Ich finde das nicht so schlimm.

Anna: Wie bitte? Sie finden das nicht schlimm? Ich habe das Gefühl, dass ich mit einem fremden Mann verheiratet bin, mit einem Mann, der von verschwitzten Turnschuhen und unflätigen Ausdrücken für sehr, sehr junge Frauen erregt wird, und das soll nicht schlimm sein? Sie haben hier überhaupt gar nichts zu finden. Sie sollen mich interviewen. Wertfrei! Sie werten ja andauernd. Auch in Ihren Posts. Hat Ihnen das noch niemand gesagt?

Castorp: Doch, erst kürzlich gerade wieder. Aber ich kenne mich ein wenig aus. Ich lese im Moment dieses Buch über sexuelle Phantasien.

Anna: Ich dachte, Sie müssten bis Freitag diesen Enquist zu Ende lesen für die Lesegruppe.

Castorp: Da haben Sie vollkommen Recht, und es liegen noch 130 Seiten vor mir.

Anna: Dann aber husch, husch! Klemmen Sie sich dahinter!

Castorp: Das werde ich sofort tun. Aber ich möchte dieses Interview noch irgendwie sinnvoll zu Ende zu bringen.

Anna: Dann denken Sie sich mal eine sinnvolle Schlussfrage aus!

Castorp: Wie geht es jetzt weiter mit Ihnen und ihrem Mann?

Anna: Ja, wenn ich d a s wüsste. Wir sind jetzt in Therapie. Wir arbeiten an uns. Ich bin nicht bereit, unsere Ehe einfach so aufzugeben. Ich habe das Gefühl, als müsste ich meinen Mann neu kennenlernen. Es ist ja nicht mal, dass er diese Phantasien hatte oder noch hat. Es ist... Ich hatte dermassen keine Ahnung. Das ist schlimmer als ein Seitensprung. Glaube ich zumindest.

Castorp: Anna, ich danke Ihnen herzlich für Ihre Offenheit.

Anna: Keine Ursache. Und jetzt vorwärts! Computer ausschalten und Buchdeckel öffnen! Schwedische Literatur wartet! Und österreichische Sangeskunst von vorgestern.


Ähnlichkeiten mit realen Personen sind unabsichtlich und rein zufällig. Wirklich. 

6 Kommentare:

  1. Also, hm, ganz ehrlich kann ich den Gedankengang der Frau gar nicht nachvollziehen. Du lieber Gott, was für eine Bibliothekarin oder Lehrerin hast du denn da erwischt? Eine Therapie? Vollkommen überzogen.

    Zudem ist auch eine ausgedruckte Mail Privatsphere eines Menschen und das lesen des Textes Verletzung der persönlichen Rechte.

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  2. Ich kann der Frau in ihrer Reaktion auch nicht folgen. Und ich weiss nicht, was sie von Beruf ist.

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  3. P.S. Und Udo Jürgens im Existenzialisten-Look konnte ich mir nicht verkneifen.

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  4. Es gibt (sexuelle) Phantasien, die man besser für sich behalten sollte... Und wenn man sie aufschreibt, sollte man sie an einem geheimen Ort im Netz abspeichern. Aber ganz sicher NIE, NIEMALS ausdrucken, es sei denn man lebt allein. Und nimmt es in Kauf, das sie nach einem plötzlichen Ableben von den Angehörigen gefunden werden. Kann einem im Prinzip dann egal sein, ist aber kein angenehmer Gedanke.

    Und die arme Ehefrau muss jetzt immer an Girlieturnschuhe und unanständige Ausdrücke denken, wenn sie ihren Gatten am Frühstückstisch betrachtet. Dumm gelaufen...

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  5. Udo ist einfach zeitlos gut. Und er sieht auch mit 70 noch sehr attraktiv aus! Ich muss gestehen, dass ich seine Musik sehr gerne mag.

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  6. Das darfst du hier gerne "gestehen", Rosalie!

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