Früher war alles besser.
Nein. Früher war natürlich ganz, ganz viel schlechter und heute ist ganz, ganz viel besser. Im Ernst! Keine Ironie! Doch mit mindestens etwas hatte man früher klar weniger Probleme: Revolutionär zu sein.
Heute muss man nicht jung sein, um zum Revolutionär zu werden wie damals, als es gegen den Vietnam, für Ho-Ho-Ho Chi Minh, das Frauenstimmrecht und später gegen das Zürcher Opernhaus ging. Natürlich hatten die damaligen Revolutionäre keine Ahnung davon, dass ihre Helden mitunter noch engstirniger waren als ihre Väter. Der zur Pop-Ikone gewordene argentinische Kuba-Revolutionär Che Guevara ist dafür ein beredtes Beispiel.
Heute genügt es, Vater von schulpflichtigen Kindern zu sein, und schon ist man von einem geradezu paradiesischen repressiven System umgeben. Und da ich, jungen Herzens von einer Reise in meine Jugend zurückgekehrt (siehe "Der Scheinriese Klassenzusammenkunft") mich in revolutionärer Stimmung in meinem 44-jährigen Alltag wieder fand, plante ich sogleich den zivilen Ungehorsam.
Man muss wissen: Das repressive System, das heutige Pädagoginnen und Pädagogen in den Schulen und viel mehr noch in den Erziehungsdirektionen aufgebaut haben, verehren einen Gott: Er heisst Jean-Jaques Rousseau, ist französischer Philosoph gewesen und vertrat die Weltsicht des Kulturpessimismus. Will heissen: Alles, was wir Menschen an Kultur und Zivilisation aufgebaut haben, ist schlecht. Die Natur des Menschen hingegen ist gut, und besonders unverdorben kommt uns dieser von Natur aus gute Mensch in Gestalt unserer Kinder entgegen.
Rousseau selbst muss die konkrete Begegnung mit Kindern dann doch etwas lästig erschienen sein. Deshalb setzte er seinen eigenen Nachwuchs vor einem Waisenhaus aus.
Dennoch glauben unsere Pädagoginnen und Pädagogen seit 68 bis zum heutigen Tag, dass Lernen bei Kindern irgendwie automatisch vonstatten geht. Dass sie instinktiv immer richtig lernen. Etwas einzuüben, dranzubleiben, Frust auszuhalten und sich Erfolge erkämpfen müssen.... all das ist "schwarze Pädagogik" und gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.
So wird denn zum Beispiel mein kleiner Sohn in der Schule von seiner Lehrerin angehalten, in ein Heft Wocheneinträge über seine Erlebnisse zu schreiben. So eine Art Blog. So far so good. Macht der Papa ja hier auch.
Ganz wichtig aber bei ihm: Jaaaaaa nichts korrigieren, denn durch eine solch zivilisierte Marotte wie Orthografie könnte ja die Freude am Schreiben kaputt gehen. (Komisch, dass ich in meiner Schulzeit andauernd auf Rechtschreibung gedrillt, stets zu Korrekturen und Korrekturen von Korrekturen angehalten wurde und immer noch grosse Freude am Schreiben habe, zum Beispiel beim Schreiben dieses Blogs. Aber das nur so nebenbei.)
Das Ergebnis dieses Korrekturverzichts habe ich schon zweimal gesehen: Die beiden älteren Geschwister meines Sohnes kämpfen bis heute mit der Rechtschreibung, die sie inzwischen beherrschen sollten, die sich aber nicht automatisch und im Schlaf in ihre Gehirne gesenkt hat.
Ich korrigiere nun die Einträge meines Jüngsten eigenhändig und lasse ihn Reinschriften schreiben. Dies ist meine Form des zivilen Ungehorsams. Und ich freue mich schon tierisch auf den Anruf der Lehrerin und die völlig nutzlose Diskussion mit ihr. Denn ich sitze am längeren Hebel....
Denn natürlich macht mein Sohn da nicht einfach so aus revolutionärer Solidarität mit seinem Vater mit. Es braucht im Gegenteil eine gehörige Dosis extrinsischer Motivation, um ihn zu meinem Komplizen zu machen. Als Gegenleistung für seine Bemühungen darf er sich jeweils für eine Stunde am Computer seinem Lieblingsspiel Skyrama hingeben. Nun steht er jeden Tag mit einem neuen Eintrag vor mir und bettelt um meine Korrekturen. Vive la Revolution!!



Manchmal "heiligt" der Zweck die Mittel ;-)
AntwortenLöschenUnd wenn der Nachwuchs dann noch ein pädagogisch wertvolles Computerstrategiegame spielt und dies erst noch als Belohnung empfindet, ist das sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen bzw. eine Win-Win-Situation.
Zu denken gibt mir hingegen, dass das Bildungssystem in der Schweiz so unterschiedlich funktioniert. In der französischen Schweiz scheint eine andere Philosophie zu herrschen! Jedenfalls wird in unserer ländlichen Schule jeder Orthografiefehler schon ab der 1. Klasse korrigiert bzw. schon ab der "Ecole enfantine"!
Wünsche weiterhin gute Nerven. Die braucht's, wenn man sich mit der Lehrerschaft anlegt - auch wenn man(n) ein Revoluzzer-Naturell besitzt. :-))
Liebe Grüsse aus der französischen Schweiz
Rosalie