Gedanken über Liebe und Ehe (Teil 1)
Die Tschechoslowakei (das Land gab es mal) hatte von den 60-er bis in die 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts eine blühende Filmindustrie, die sich auf Märchenverfilmungen und andere Kinderfilme spezialisiert hatte und bis weit in den Westen hinein mit Begeisterung konsumiert wurde.
Während aber die meisten Helden jener Zeit mehr oder weniger in Vergessenheit gerieten (Pan Tau? Ah ja, das war der stumme Kerl, der mit der Melone zaubern konnte!), hat sich e i n Film ins kollektive Gedächtnis unserer Kultur eingraviert: Drei Nüsse für Aschenbrödel.
Schon das von den Gebrüdern Grimm für das gutbürgerliche Publikum zurechtgemachte Hausmärchen wusste Generationen von Kindern zu verzücken und Kinderbuchautoren bis heute zu inspirieren: Auch Harry Potter ist ein Waisenkind, das bei einer unausstehlichen Pflegefamilie aufwächst und mit einem Ekel von Stiefbruder gesegnet ist.
Während aber Harry Potter schon im zarten Alter von 11 Jahren an die Zaubererschule in Hogwarth berufen wird um dort seine Karriere als Retter vor dem Bösen zu starten, muss sich das Aschenbrödel bis zur Geschlechtsreife gedulden. Und ihr Retter heisst nicht Hagrid, hat eigentlich keinen Namen, sondern nur eine Funktion: Prinz. (Fällt mir gerade auf: Das Aschenbrödel hat auch keinen richtigen Namen....)
Der Prinz bewegt sich auch nicht wie Hagrid auf einem fliegenden Mofa, sondern standesgemäss auf einem weissen Pferd. Ganz ohne Zauberei geht es aber auch bei Aschenbrödel nicht. Drei Nüsse sind nach den üblichen Irrungen und Wirrungen das Eintrittsticket in die Royal Class.
Das Märehen hat Seher und Deuter auf den Plan gerufen. Der Verrat des Vaters an der leiblichen Tochter (nur im Hausmärchen, im Film ist er tot), die besondere Beziehung der jungen Frau zur Natur (insbesondere zum fleissigen Federvieh - die Guten ins Töpfchen.... - und - last but not least - der Schuh. Mir wird gesagt, dass mit dem Aschenbrödel ein übles Schönheitsideal aus der Taufe gehoben wurde , welches bewirkt, dass Frauen ihre Füsse lieber in zu kleine Schuhe quetschen, als mit Grösse 43 herumzulaufen. Jetzt wäre der Moment für die passende Illustration:
Womit wir auch bei der Version der tschechoslowakischen Verfilmung wären. Man beachte: Auf dem Bild haben wir Frau Prinz hoch zu Ross, hier zwar im züchtigen Damensattel, in anderen Szenen aber stellt sie ihre Qualitäten als Reiterin vollends unter Beweis. Ausserdem trifft sie bei der Jagd besser als der Prinz, was einigermassen erstaunt, da dieser in seiner Junggesellenexistenz mit seinen Kumpanen fast nichts anderes tut als zu jagen (Fussballübertragungen oder Stadionbesuche gab es zu jener Zeit noch nicht).
Und ganz wichtig: Der Prinz kann Aschenbrödel nicht einfach abschleppen. Obwohl er der begehrteste Junggeselle auf dem Markt ist, besteht Aschenbrödel darauf, dass er ihr Rätsel löst (alle ihre verschiedenen Identitäten auf sie - seine Braut - vereint und fragen muss er auch noch (das vergisst er beim legendären Ball nämlich). Kurzum: Obwohl sie ihn liebt und er sie und obwohl sie einen fulminanten sozialen Aufstieg durch die Heirat machen kann, ist sie nicht so einfach zu haben.
Nun ist mir natürlich bewusst, dass nicht alle Ehen, die Prinzen mit Untergebenen schliessen, glücklich ausgehen. Es gibt durchaus Frauen, die sich vor einer solchen Ehe die Sache besser nochmal überlegt hätten. Fortsetzung folgt....



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