Meiner Blogstatistik entnehme ich, dass ich Klicks aus dem Kanton Deutschland bekomme. Dies freut natürlich einen Schweizer, der sich den Namen Castorp gegeben hat. Als dann. Der deutschen Leserschaft und auch allen anderen, die das Datum nicht gerade präsent haben, sei verkündet: In der Schweiz steht eine wichtige Wahl an.
Natürlich meine ich damit nicht die eidgenössischen Wahlen ins Parlament vom 23.Oktober (unsere Bundestagswahl, sozusagen) - nein, nein!! Die Wahl, die meine Schreiblust befördert, ist die Kür der neuen Miss Schweiz von nächstem Samstag.
Diese Aussicht vermag allerdings nicht mich zu begeistern, sondern meine Familie: Frau, Sohn 1, Tochter, Sohn 2. Ich werde mich heuer dem Gruppendruck beugen müssen, nachdem es mir bisher Jahr für Jahr gelungen ist, mich vor diesem grauenhaften Prozedere zu drücken, und der Live-Übertragung (mit Beamer auf Leinwand projiziert) beiwohnen.
Dieses eher bedrückende Wochenendprogramm im Kopf wälzend und noch unter dem Eindruck der Klassenzusammenkunft stehend baut sich in mir das Thema "Schönheit" als Aufhänger für diesen Post auf.
Was habe ich bezüglich "Schönheit" in meinem Leben gesehen und erlebt?
Und dann sehe ich SIE: Meine erste Liebe, damals, vor 27 Jahren.
Nein, SIE war nicht in meiner Klasse und SIE ist mir daher nicht kürzlich begegnet. SIE war so schön, dass es mir (17-jährig, eine frühmännliche Anhäufung von Neurosen und Ängsten) völligst den Atem verschlagen hat.
Zeitreise: Für den Weg, den ich ins Gymnasium zurückzulegen hatte, benutzen wir damals die Bahn. Die abgebildete Zugskomposition ist, obschon veraltet, immer noch viel zu neu, um die Verhältnisse von damals einzufangen. Aber ich mag Züge und das Zugfahren - bis heute. Es war ein Novembermorgen im Jahr 1984. Ich sass also im Zug, versunken in trübe Gedanken an aufkommende Mathematikstunden, ansonsten nicht ahnend, dass sich die bis heute zweitwichtigste Begegnung mit einem weiblichen Wesen anbahnt.
Ich höre IHRE Stimme: "Ist hier frei?" Klar, ich bemerke mein Gegenüber zunächst gar nicht. Ich bin in irgendein Schulbuch vertieft. Oder in pubertäre Sorgen. Oder beides. Es vergeht vielleicht eine Minute, bis ich den Blick hebe und SIE sehe. Kitsch as Kitsch can, aber ich habe mich augenblicklich in SIE verliebt.
Ich wusste es einfach. Es war so klar, so einleuchtend, so selbstverständlich. Zeit spielte ab diesem Moment keine Rolle mehr. So muss sich die Reise in ein Schwarzes Loch anfühlen.
Gut, damals wusste ich noch nicht, was ein Schwarzes Loch ist. Eigentlich weiss ich es heute immer noch nicht so genau. Ich wusste nur, dass ich verliebt war. SIE war einfach nur SCHÖN. Ich hätte sie stundenlang, tagelang, monatelang, ein Leben lang, für immer anschauen mögen. Gleichzeitig war klar: SIE würde sich nicht mit mir abgeben, SIE würde mich elendes Häufchen nicht beachten. Wer war ich denn, um mir wirklich und wahrhaftig Chancen bei IHR auszurechnen.
Übrigens schwankt der IQ in dieser Zeit auch bedenklich zwischen 200 und 0,2. Es gibt diese euphorischen Phasen (hoher IQ, äusserst kreative Schübe) und es gibt die melancholisch-verträumten Phasen der Verliebtheit (IQ nähert sich 0 an). Monsieur Uderzo hat die melancholisch-verträumte Phase meiner Meinung nach zeichnerisch ganz gut eingefangen.
Da mich niemand verstand, suchte ich Gesellschaft bei den Dichtern. Und irgendwann kam ich auch auf dem Zauberberg an. Da war es, dieses Lebensgefühl, wenn man jemanden aus der Ferne, aus der sicheren Distanz heraus anhimmelt. Ich war nicht der einzige, der solches erleidet. Nein, anhimmeln trifft das Gefühl schlecht. Ich war IHR ausgeliefert. Ich war wehrlos. Ich war allein.Natürlich hab ich IHR nie ein Sterbenswörtchen gesagt. Irgendwann war sie weg von der Schule.
Mister Johnson: Bitte führen Sie mich in jene Zeit zurück und singen Sie noch einmal jenes Lied, das ich damals eine gefühlte Million Mal einsam in meinem Zimmer gehört habe. Es war so traurig, es war so schön.



Lieber Castorp
AntwortenLöschenDanke für diese schöne Geschichte. Du hast also auch einen "Magic Moment" erlebt, der sich in Dein Gedächnis eingebrannt hat, so dass Du Dich noch 27 Jahre später an ihre Worte und ihre Stimme erinnern kannst. Und an die Gefühle und die Musik von damals.
Während ich Deine Geschichte von der schicksalshaften Begegnung im Zugabteil gelesen habe, kam mir ein Gedanke. Was wäre, wenn sie Dich anders zu Kenntnis genommen hat, als Du annimmst? Wenn sie gedacht hat "Was für ein süsser, scheuer Junge!". Wenn sie sich ebenfalls verliebt hat, Dich auf dem Schulareal beobachtet und heimlich für Dich geschwärmt hat, aber cool und unnahbar getan hat, um ihre Unsicherheit zu überspielen, weil sie trotz ihrer Schönheit voller Selbstzweifel war...
Und vielleicht bis heute mit einer gewissen Wehmut an Dich denkt, wenn am Radio "I want to know what Love is" von Foreigner läuft...
Deine Geschichte erinnert mich an meine erste grosse (unerfüllte) Liebe.
Herzlichst
Rosalie
Fazit:
AntwortenLöschenAls die Eisenbahn fuhr (vor Zeiten machte ich das auch, damals hatten die jungen Menschen nur Fahrräder sonst nichts, also mußten sie Bahn fahren und sich die Füße im Winter auf den Bahnhöfen erfrieren) hatte man noch Zeit. Mit Wehmut sehe ich den zugewachsenen Bahnübergang bei uns gegenüber, und erinnere mich auch daran mit Kinderwagen und Söhnchen darin meinen zukünftigen Ehegatten per Bahn besuchen.Jetzt gibt es nur noch den runter gekommenen Bahnübergang und etwas weiter den ach so schönen Bahnhof durch den Investor sehe ich vergammeln.
Grüße in die Schweiz, Neumi aus Sachsen