Wer bin ich?
Früher bat ein gewisser Robert Lembke im Deutschen Fernsehen (ARD?) zu einer bemerkenswert simplen Fernsehshow. Die Bezeichnung "Show" ist hier allerdings schon vollkommen fehl am Platz. Die Beteiligten boten sehr wenig "Show", und das ist in der Retrospektive ungemein wohltuend.
Leute mit ungewöhnlichen Berufen kamen ins Fernsehstudio und dann war es moderiert von eben diesem Robert Lembke die Aufgabe eines Rateteams, den Beruf der betreffenden Person zu herauszufinden. Während man heute für jeden Furz (sorry!) im Fernsehen schon Millionen gewinnen kann, erhielt die Person mit dem ungewöhnlichen Beruf pro Frage, die sie mit "nein" beantworten konnte, stattliche fünf Mark in ein von Lembke so bezeichnetes "Schweinderl".
Als Höhepunkt der Sendung legte sich das Rateteam elegante Masken an, und der prominente Gast betrat die Bühne. Der Applaus des Publikums schwanke zwischen freundlich (irgend ein Opernsänger) und enthusiastisch (Roy Black). Nun galt es, durch geschicktes Fragen die Identität des Gastes zu erraten. Dieser bekam kein Geld in 5-Mark-Portionen und auch kein Sparschwein, sondern Blumen (Frauen) oder sonst irgendetwas (Männer) für jedes Nein.
Die Fernsehsendung lief gefühlte 200 Jahre, Woche für Woche. Und sie fasziniert mich bis heute, denn ihr Name Was bin ich? ist im Grunde genommen eine philosophische. Und diese Frage wird durch das Erscheinen des Stargastes am Ende noch gesteigert zur Frage Wer bin ich?
Können wir von uns sagen, wer wir sind? Liebende Ehefrau? Fürsorglicher Vater? Umsichtiger Geschäftsmann? Fleissiger Schüler? Leidenschaftliche Gärtnerin? Wer sind wir? Und wie fühlen sich unsere Rollen an, die wir im Laufe der Zeit angenommen haben, die wir kultiviert haben. Inwieweit sind wir das, was unsere Mitmenschen in uns sehen und das, wie wir gern oder auch nicht gern gesehen werden?
Natürlich gehen mir alle diese Gedanken durch den Kopf, weil ich heute zu diesem Klassentreffen fahre. Extrem unangenehm: Wer war ich? Ich will es nicht wissen, nicht hören müssen, wer ich damals war, denn ich war ein unschuldiges, neurotisches Häufchen pubertierender Bub. Und ich möchte eigentlich nicht jenen Leuten begegnen, die mich so gesehen und mich so in Erinnerung haben.
Und doch gehe ich dahin. Nicht nur aus sozialem Pflichtgefühl. Was mich dahintreibt, ist die alte Frage, wer ich eigentlich bin. Denn darauf habe ich immer noch keine schlüssige Antwort gefunden. Ich habe zwar kein Rateteam zur Verfügung, das mir nach fünf Minuten diese Antwort geben könnte, und keinen Robert Lembke, der mir für jedes Nein eine Praline über den Tisch schiebt.
Aber ich habe Menschen, die mir Hinweise geben können. Heute geht es um die Frage: Was ist übrig geblieben von jenem scheuen, ängstlichen, seine Scheu und Angst mit etwas sprachlicher Begabung überspielenden grossen Kind? Ich fürchte: Mehr, als mir lieb ist.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen