Montag, 10. Oktober 2011

America - die grosse Sehnsucht

Natürlich ist mit einem Satz noch kein Song geschrieben. Und darum geht es weiter. Wer sind die beiden, die beschliessen, lovers zu sein? 


Let us be lovers, 
We'll mary our fotunes together.

Ein Paar, das sich um Geld nicht zu sorgen braucht und dessen Verbindung sicherstellt, dass das Geld auch am richtigen Ort bleibt, nämlich dort, wo es schon ist. Bestimmt eine von den Eltern gern gesehene Verbindung, eine logische Verbindung. 

I've got some real estate here in my bag.



Und auch das Grundstück bringt einer von beiden in die geplante Ehe mit. Und damit die beiden sich gut kennenlernen, kaufen sie sich etwas Proviant und ziehen los, weg, ab in die endlose Freiheit, um das Land zu sehen, das sinnbildlich dafür steht, dass einem alle Möglichkeiten offenstehen.

So we bought a pack of cigarettes 
and Mrs. Wagner Pies
And walked off to look for America.


Sie sind in Pittsburgh, Michigan. Sie steigen in einen Überlandbus. Und nun - vielleicht um das Eis zu brechen -  beginnt er seiner Freundin Kathy zu erzählen, wie Michigan war, das er offenbar von früher her kennt. Er war schon einmal unterwegs, um sich Amerika anzusehen. Alles erscheint ihm heute als Traum. Doch diese persönliche Äusserung bleibt ohne Echo.


Unterwegs sein heisst ja: Die Freiheit auskosten. Eine Reise ist ja ein faszinierender Ausbruch aus dem Alltag, welche die eigene Identität in die Schwebe bringt. 


Doch das einzige, was er ihr jetzt noch zu erzählen weiss: Vier Tage brauchte er per Autostopp von einer Stadt zur anderen. 


"Kathy", I said, as we boarded a Greyhound in Pittsburgh
"Michigan seems like a dream to me now
It took me four days to hitchhike from Saginaw
I've gone to look for America."



Doch das Eis ist gebrochen, für eine kurze Zeit. Der Song mündet in eine Brücke, getragen von einer leichten Melodie, die vor sich hinmäandriert, vorgetragen von der Engelsstimme Art Garfunkels und im Original von 1969 in ein Saxophonsolo mündend. Doch ebenso ziellos, wie die Melodie und das Sax verläuft die harmlose Witzelei zwischen den beiden.


Laughing on the bus
Playing games with the faces
She said the man in the gabardine suit was a spy
I said "Be careful his bowtie is really a camera."


Und gleich wird die Stimmung nüchterner, das Gespräch banaler und ähnlich wie die Glut einer Zigarette, die fast zu Ende geraucht ist, stirbt es auch gleich ab. 


Er schaut aus dem Fenster, sie in eine Zeitschrift. Dann sieht er sieht den Mond über einem offenen Feld aufgehen. Ein Augenblick, den er jetzt schon lieber alleine geniesst, in himmlischem Harmoniegesang wiedergegeben. 


"Toss me a cigarette, I think there's one in my raincoat."
"We smoked the last one an hour ago."
So I looked at the scenery, she read her magazine,
And the moon rose over an open field. 


Zum zweiten Mal im Song spricht er sie direkt mit ihrem Namen an: Kathy. Und was er sagt, hat Sprengstoff.


Kathy, "I'm lost", I said


Ich bin verloren. Nach diesem Satz bricht der Walzerrhythmus für einen Moment in sich zusammen. 


Doch sie ist über ihrer Zeitschrift schon eingeschlafen, was das Geständnis wohl erst ermöglicht hat. Und so fährt er weiter: Er fühlt sich leer und ist voller Sehnsucht. Und sein Blick richtet sich auf die Strasse, wo er die Autos zählt, die vorbeifahren. 




Denn nicht nur er ist leer und voller Sehnsucht. Die anderen auf der Strasse wohl auch, die unterwegs sind, um sich Amerika anzusehen. Die unterwegs sind, ohne wirklich zum Ziel zu gelangen. 


Kathy, I'm lost, I said, though I knew she was sleeping.
I'm empty and aching and I don't know why
Counting the cars on the New Jersey Turnpike
They've all gone to look for America. 


Und wie um es zu bekräftigen, singen sie den letzten Gedanken noch einmal:


They've all gone to look for America.

Die schönste Interpretation des Liedes schaue ich mir immer wieder mal auf Youtube an. Einer der seltenen Momente, in denen Paul Simon mit seinem alten Gesangspartner Art Garfunkel nach der Trennung zusammen war - hier in der Show von Dave Letterman vor acht Jahren. 

Man lasse sich von der gemeinsamen Musikalität und den auch im Alter noch einträchtig klingenden Gesangsharmonien nicht täuschen. Wer auf Tourneen mit den beiden zu tun hat- so wird berichtet -, möchte auch bei sommerlichen Temperaturen eine Winterjacke anziehen. So eisig sei die Atmosphäre zwischen den beiden. 

Die Ansage überlasse ich für einmal gerne dem Kollegen Letterman. 


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