Donnerstag, 20. Oktober 2011

Und plötzlich ist mein Kind verschwunden

Da war ich heute Nachmittag friedlich am Computer, habe im Konjunktiv meine Kurse vorbereitet und im Indikativ die Nachrichten auf CNN verfolgt (Stichwort Gaddafi), als sich in mir langsam aber unaufhaltsam ein blödes Gefühl breit machte: Wo bleibt mein Jüngster? Sollte er nicht schon längst von der Schule zurück sein? 


Die erste Unsicherheit wische ich innerlich vom Tisch. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er auf dem Heimweg trödelt. Und wenn er nicht kommt, weiss ich, wo ich ihn suchen muss, nämlich im nächsten Haus bei den beiden gleichaltrigen Mädels. Mein Junge spielt auch mit acht Jahren noch gern mit Mädchen, ist sehr spontan und begeisterungsfähig, hat blonde Locken und blaue Augen und tonnenweise Charme, wie ich ihn nie im Leben hatte. Sowas tut schon im zarten Alter offenbar seine Wirkung. 


So wende ich mich wieder CNN-Reportern und lybischen Freudenschüssen zu. Doch er kommt nicht. Also, mal bei den Nachbarn durchs Fenster ins Wohnzimmer schauen. Doch da ist alles zappenduster. Niemand ist da. Hmmm. Die Unruhe steigt, doch alles hat sicher eine harmlose Erklärung. Ah ja. War da nicht die Info, dass die Schüler am Donnerstagnachmittag noch in die Bibliothek der Schule gehen und dann dort unter Umständen noch etwas länger verweilen? Genau. Und ich war ja kürzlich mit ihm in diesem Buchantiquariat, wo er sich stundenlang Mickey-Mouse-Taschenbücher reinzog? 


Also, runter zur Schule. Dort treffe ich einen anderen Vater, der seinen Sohn von der Tagesschule abholen will. Mein Herz sackt etwas ab. Bei dem kann er also auch nicht sein, wenn ich ihn nicht in der Bibliothek finde. Ist die um diese Zeit denn überhaupt noch offen? Ich gehe durch den Gang, sehe die Türe geöffnet. Ja! Mein Blick geht suchend an Tischen, Stühlen und Bücherregalen vorbei, geistesabwesend grüsse ich die Lehrerin, die dort ist. Nein, sie hat meinen Sohn heute nicht in der Bibliothek gesehen. 


Am schlimmsten war der "Oh-Scheisse-Blick" der Lehrerin, der mich in diesem Moment traf. Mein Gehirn fühlte sich an wie eine Fahrradkette, die gerissen ist. Wo soll ich ihn denn jetzt noch suchen? Wo soll ich anrufen? Vielleicht ist er ja draussen vor dem Schulhaus, auf dem Fussballplatz. Er spielt gerne Fussball. Doch, da ist eine Gruppe von Jungs. Aber kein kleiner Blondschopf weit und breit, nicht die vertrauten Bewegungen, die ich sofort erkennen würde. 


Meine Gedanken verlaufen sich im Irrationalen. Eine Mutter hätte gespürt, dass sie ihren Sohn an diesem Tag von der Schule hätte abholen müssen. Nur der Vater bringt es fertig, vor dem Computer CNN zu schauen, während sein Sohn von einem pädophilen Pornoring entführt wird. Mein Sohn ist seit 20 Jahren spurlos verschwunden. Es geschah genau an dem Tag, an welchem Gaddafi getötet wurde. Die Gedankenkette setzte ich fort, während ich auf dem Heimweg war.




Ich geh jetzt bei den Nachbarn klingeln. Er muss einfach bei seinem Harem sein. Ringring..... Nichts.... Ich spüre jetzt schiere Angst, so dass ich auf den Boden kotzen könnte. Ich rufe da und dort an, wo er eigentlich gar nicht sein kann, aber niemand scheint an diesem Nachmittag zu Hause zu sein. 


Wann kontaktiert man in einem solchen Fall eigentlich die Polizei? Soll ich für die beiden älteren Kinder jetzt einfach ganz normal Abendessen machen? In einem Anflug von Verzweiflung rufe ich nochmal bei den Nachbarn an. Warum, weiss ich nicht, denn es nimmt ja eh niemand ab, wenn ich gerade dort vergeblich an der Haustür geklingelt habe.  Trotzdem, was bleibt mir anderes übrig? Ich wähle die Nummer, tüt, tüt, tüt....


Und da: Ein weibliches Engelsstimmchen: 


Das Nachbarsmädchen (sehr typähnlich)




Engelsstimmchen:   Ja?
Castorp:  Hallo Engelsstimmchen, hier ist der Castorp.!!!!!!!!!!!!!! 
Engelsstimmchen:  Hallooooo!!
Castorp: Ist der O. bei E U C H???????????????????


Bittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebittebitte


Engelsstimmchen: Ja.


!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


In gefühlten 0.01 Sekunden war ich drüben. 


Das Gefühl, das alle meine Nervenzellen vibrieren, wurde schlagartig ersetzt durch den Eindruck, dass zwei Meter Watte um mich gepackt ist. 






Und wieder einmal ist mir bewusst geworden, wie verletzlich man als Vater oder Mutter ist. 



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