Samstag, 1. Oktober 2011

So viel Schönheit in der Welt

Es kam der Moment, in welchem SIE nicht mehr wichtig war. Nur noch ich war wichtig und das Gefühl, das sich in mir gebildet hatte - oder das ich in mir gebildet hatte? Wer kann das schon so genau sagen? 


Sie, wäre sie auf mich aufmerksam geworden oder hätte sie - aufmerksam geworden - meine unsichtbaren Barrieren und Grenzsicherungen um mich herum zu durchbrechen versucht, ich hätte die Flucht ergriffen.


Wie wäre sie dazu gekommen, mein Ideal, meine Sehnsucht zu stören und zu entzaubern durch schnöde Realität? Nicht die Geliebte ist göttlich, der Liebende ist es.






Dergestalt in der Romantik angekommen rückten erste konkrete Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht noch weiter von mir weg - so dies denn überhaupt noch möglich war. Nicht mehr die Erfüllung der Sehnsucht war es, was ich wollte, sondern die Sehnsucht selbst. Ok, ist vielleicht ein bisschen so wie mit dem Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen. Besonders schlau war die neue Lebenseinstellung jedoch trotzdem nicht. Und sie hatte auch ihre Nachteile - in sexueller Hinsicht lebt es sich in der Entsagung eher zölibatär. Aber man kann dazu irrsinnig gut leiden.


Entsprechend habe ich dann Holly Johnson von FGTH als Sprachrohr meiner seelischen Befindlichkeit abgesetzt und durch den dunklen Fürsten Robert Smith von The Cure ersetzt. Alles war sinnlos, alles ging den Bach runter, ich war allein in dieser Welt und es konnte gar nicht anders sein. Weltschmerz war soooo schön.


Robert, auch wenn wir beide etwas in die Jahre gekommen sind... Here we go:




So konnte es natürlich nicht weitergehen. Also, mit Robert Smith und The Cure schon, die machten und machen ordentlich Geld mit dem weidwunden Gefühlsbrei, den sie in Musik übersetzen. Aber mit mir nicht.


So verliebte ich mich abermals. Typähnlich zu IHR. Soviel Prägung musste offenbar sein. Und dieses Mal sagte ich mir, dass ich nichts zu verlieren habe. Ich wollte nicht im Heulen und Barmen des Robert Smith steckenbleiben. Ich wollte eine Beziehung, ich wollte leben. Mit allem drum und dran.


Doch was ist Schönheit? Es ist die Schönheit in mir, es ist die Schönheit in uns, die uns Menschen und Dinge als schön erscheinen lassen. Diese Menschen und Dinge vermögen uns mit ihrer Schönheit zu fesseln, weil sie etwas in uns zum Klingen bringen und wir bringen wiederum sie zum Strahlen, wenn wir ihre Schönheit entdeckt haben.



Denn Schönheit ist überall, wir sind von ihr umgeben. Schönheit: Das i s t Frau Bruchschacher. Aber nicht als Schönheitskönigin mit Krönchen, sondern als 20-jährige Mädchenfrau, wenn sie gefragt wird, was an ihrem Freund (den hat sie seit etwa drei Wochen) denn besonders sei, und darauf in wunderschönem Berndeutsch antwortet: "Ig weiss ou nid, är isch haut eifach mine."(Ich weiss auch nicht, er ist einfach meiner). 


Es mag Menschen geben, die Schönheitsköniginnen a priori für beschränkt, geliftet oder beides halten. Ich hätte Frau Buchschacher für ihre Antwort umarmen mögen, denn sie war - ob gewollt oder ungewollt - sehr weise und sehr schön zugleich. Wobei: Wahre Schönheit ist ja nie gewollt. Und nein, es wäre keine erotische Umarmung gewesen.


Schönheit ist ein bestimmter Moment in der Natur. Und nein, es muss nicht ein Sonnenauf- oder -untergang sein. Lieber nicht, denn es sind zu viele, die aufgehende und untergehende Sonnen schön finden, weil sie im Voraus wissen, dass sie schön sind, ja, weil sie geradezu schön zu sein haben. Weil alle sie schön finden (ausser die seltsamen Castorps dieser Welt). 


Schönheit ist der Zauber, der in einer Musik sein kann, die man schon oft gehört hat, aber gerade in einem bestimmten Moment und ohne Vorwarnung entfaltet sie ihre Schönheit.


Schönheit kann auch sein: Bestimmte Momente beim Sex. Das Gefühl von Innigkeit, Gemeinsamkeit, Vertrauen in der Lust und in der Verletzlichkeit. Schönheit kann letztendlich alles sein. Sogar ein Plastiksack, wie im Film American Beauty.


Manchmal gibt es so viel Schönheit in der Welt.
Und ich fühle: Ich kann es fast nicht aushalten.
Wie wenn mein Herz einfach zusammensinken würde. 






1 Kommentar:

  1. Dieses Post ist einfach... wunderschön!!

    Ich bin sehr beeindruckt, wie gekonnt Du Deine Gedankengänge in Worte zu fassen vermagst und sie auch gleich noch mit den passenden Illustrationen untermalst. Genial!

    Ich freue mich auf mehr von Dir!

    Alles Liebe,
    Rosalie

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