Dienstag, 28. Mai 2013

Rosalie vs. Castorp ;-)


  1. Kürzlich in einer ähnlichen Diskussion aufgeschnappt: Die (erotische) Liebe wird nicht weniger, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - sie multipliziert sich! Stichwort Polyamory.

    Ich plädiere dafür, dass die Liebe ein unerschöpfliches Reservoir an Gefühl ist. Sie wird nicht kleiner, wenn man sie auf mehrere Personen verteilt - im Gegenteil. Ob man für alle gleichermassen sexuelles Begehren empfindet und ob man dieses ausleben will, soll oder darf, steht auf einem anderen Blatt.
    AntwortenLöschen
  2. Die Polyamoren haben aber mehr als nur ein Problem: Liebe ist nicht etwas, was sich aus dem Nichts entwickelt und dann einfach so automatisch bleibt. Liebe nährt sich aus einem Treibstoff, der durchaus nicht unerschöpflich ist: Zeit.

    Zwar bieten uns moderne Kommunikationsmittel heutzutage die Gelegenheit, Zeit auch virtuell mit einem Partner zu verbringen. Insofern sind wir flexibler geworden. Doch eine Kurznachricht zu schreiben oder einen Blogkommentar zu kommentieren, das braucht auch Zeit. Es ist die Zeit, in welcher man sich einem anderen Liebespartner zuwendet, und sich gleichzeitig von einem anderen abwendet. Bedenkt man, dass der andere Liebespartner seinerseits anderweitig Zeit investiert, bleibt unter dem Strich bald einmal zu wenig Zeit, um die Liebe mittel- oder langfristig am Leben zu erhalten. Das Phänomen, dass Lebenswelten zu sehr auseinanderdriften, erleben natürlich auch sehr viele Paare, die nicht polyamor leben, zum Beispiel, wenn Kinderbetreuung und Erwerbsarbeit ungleich aufgeteilt sind. Die so verursachten Scheidungsraten sind selbsterklärend.

    Zweitens kann nicht ausbleiben, dass auch in polyamoren Beziehungen eine Verbindung die Hauptbeziehung ist. Damit meine ich noch nicht einmal die gesetzlich verordnete Tatsache, dass ich nur mit einer Frau verheiratet sein kann. Es stellt sich auch die Frage, mit welcher Frau ich einen Wohnsitz teile und mit welcher Frau ich Kinder habe (die nota bene ihrerseits Zeit in Anspruch nehmen). Es findet also automatisch eine Hierarchisierung der verschiedenen Beziehungen statt. Und das ist zwar vielleicht noch halbwegs lustig, wenn ich mir selber überlege, welche Frau nun meine Hauptfrau werden soll. Weniger lustig ist es dann, wenn meine eigene Position als Hauptmann zur Disposition steht.

    Drittens: Schon aus den oben genannten Zeitgründen müssen sich auch die Polyamoren auf eine überschaubare Anzahl von Liebesbeziehungen beschränken. Und Beschränkungen sind ja gerade das, was man mit der Polyamorie ja überwinden wollte. Wie viele Partner sind denn "machbar"? Zwei, drei, vier? Kommt in der Lebensform der Polyamorie also ein Liebespartner hinzu, muss man eventuell mal ausmisten und eine schon bestehende Liebesbeziehung aufgeben, damit es wieder Platz hat. Geschieht das einvernehmlich, mag das ja eine Lösung sein. Doch bei Gefühlen sind oft auch Verletzungen vorprogrammiert.

    Deshalb meine These: Polyamore lieben zwangsläufig in reduziertem Mass und kaufen sich mit ihrer Lebensform viel Unverbindlichkeit ein, so viel, dass man schon kritisch nachfragen kann: Wie viel Liebe ist da noch?
    Noch eine Frage: Was machst du mit dem sexuellen Begehren, das du für jemanden empfindest, den du nicht liebst? Gibt es so etwas überhaupt?

Offene Beziehung revisited

Sometimes I get the feeling, I was back in the old days, long ago.....

The Queen is gone but not forgotten
Die Musikgruppe Queen gibt es nicht mehr, doch ihre Lieder hallen nach. Ihr technisch brillanter Sänger, überdies zum begnadeten Showman geboren, sang gegen Ende seines Lebens jene Zeilen, die ich an den Anfang meines heutigen Posts gesetzt habe. Denn diese Zeilen gingen mir gestern durch den Kopf.

Ich hatte einen Tag frei genommen, da ich für meine momentane Weiterbildung eine mittlere Arbeit als Leistungsnachweis zu schreiben habe. So richtig mit Forschungsfrage, Sekundärliteratur, Herleitung von Theorie....

Die Kinder waren in der Schule und ich schrieb an der Einleitung, las die auf dem Esstisch gestapelten Bücher quer und habe Satz um Satz - wie wir in der Schweiz uns auszudrücken pflegen - "iitöggelet". Mögen Landsleute eine adäquate hochdeutsche Übersetzung dafür liefern. Auf jeden Fall fühlte es sich an, wie back in the old days.

Und, wie wir ebenfalls in der Schweiz sagen: Äs hät gfägt. Es grenzte schon fast an einen Jungbrunnen. Na ja... fast. Und wie der Zufall es wollte, bin ich letzte Woche am Kiosk auch noch auf eine Zeitschrift aufmerksam geworden, die konkrete Themen aus philosophischer Sicht beleuchtet: Hohe Luft (http://www.hoheluft-magazin.de), nennt sich die Publikation etwas elitär, doch einer philosophischen Annäherung zum Thema Was ist guter Sex? konnte ich in meinem aufkeimenden akademischen Eifer unmöglich widerstehen.

Unwiderstehlich
Um es kurz und nicht noch umständlicher zu machen: Interessiert hat mich - honi soit qui mal y pense - die Auslegeordnung, die in das Thema der offenen Beziehung Klarheit bringen soll. Ich weiss, das Thema ist auf diesem Blog nicht neu. Vielmehr verdankt er diesem Thema eine der lebendigsten Auseinandersetzungen - hm, sagen wir ruhig - die lebendigste Auseinandersetzung, die auf dieser Plattform bis dato stattgefunden hat. Irgendwo hier.

Doch zurück zur hohen Luft: Die Auslegeordnung sieht folgendermassen aus: Traditionellerweise leben Paare ihre Sexualität exklusiv, zumindest haben sie den gegenseitigen und oft als selbstverständlich empfundenen Anspruch, dies zu tun.

Doch wie kommt es zu diesem Anspruch? Einem Anspruch auf Monogamie in Zeiten, in denen Kondome in jedem Supermarkt greifbar sind. In Zeiten, in denen wir uns also wirkungsvoll vor ungewollten Schwangerschaften und weiterem Ungemach in Form von sexuell übertragbaren Krankheiten schützen können. Wird uns durch diesen Anspruch nicht schlicht und ergreifend eine ganze Menge Spass vorenthalten? Müsste man doch meinen, oder nicht?

Nun, die traditionelle monogame Beziehungsform fusst auf zwei Annahmen:

1. Sexualität ist eine Ausdrucksform der Liebe.
2. Liebe ist exklusiv (= schliesst Dritte aus).

Aus diesen beiden Prämissen folgt der Schluss:

Logische Folge:  Sexualität ist exklusiv.

Man muss vielleicht hinzufügen, dass der Begriff der Liebe hier eng gesehen werden muss. Er meint selbstverständlich nicht die Liebe, die man zu den eigenen Kindern hat, die aus der gemeinsamen Sexualität entstanden sind. Auch nicht die Liebe zu Geschwistern, Eltern oder zum Haustier. Auch nicht die Liebe zur Heimatstadt, zur Natur oder zum allerliebsten Fussballverein (diese Liebesbeziehung durchlebt in meinem Fall seit zwei Jahren eine verdammt harte Zeit). Nein, die erotische Liebe ist gemeint, die in einer Lebensgemeinschaft von zwei Personen stattfindet.

Blueprint der exklusiven romantischen Liebe:
Romeo und Julia beim Stelldichein auf dem Balkon.
Wer nun einer offenen Beziehung das Wort redet, muss zwingend eine der beiden oben aufgeführten Voraussetzungen angreifen. Was würde das heissen?

1. Sexualität ist eine Ausdrucksform der Liebe.

1a. Wäre Sexualität n i c h t ausschliesslich eine Ausdrucksform der Liebe, sondern eine von vielen Interaktionen, wie sie im Rahmen von  - sagen wir - Sympathie, Freundschaft und ähnlichem üblich ist, dann müsste man in der Tat in Frage stellen, warum feste Partner einander nicht auch Sexualität mit anderen Personen gönnen. Schliesslich haben gut funktionierende Paare ja auch Bereiche, die sie nicht (ausschliesslich) mit ihrem Liebespartner teilen (Fussballspiele schauen, im Chor mitsingen, sich mit Freunden zum Bier treffen, zusammen Essen gehen, usw.).

2. Liebe ist exklusiv

2a. Wäre aber die Liebe selbst nicht exklusiv, dann wäre zwar Sexualität immer noch zwingend an Liebe gebunden, doch diese Liebe würde sich nicht auf eine Person beschränken. Die Liebe - immer im oben genannten Sinn - wäre dann eine Art unerschöpfliches Reservoir an Gefühl. Wir könnten also Liebe für mehrere Personen empfinden, ohne dass die Liebe zur Einzelperson quantitativ (auch qualitativ?) abnimmt.

Grübel, Grübel und studier.... wie es in einem anderen Lied heisst.




Samstag, 18. Mai 2013

Ich und eine Stimme von damals

Es passiert urplötzlich: Da ist eine Melodie, eine Stimme. Stimme und Melodie sind überall, auf allen Radiostationen. Ein Song hat die Welt für einen Wimpernschlag der Musikgeschichte im Griff.

Es sind die frühen 80-er Jahre. Der Song, der überall ist, kommt nicht aus England und auch nicht aus den U.S.A. Eine australische Band schickt sich an, die Welt zu erobern und hat im Gepäck jenen Song, der bis heute als inoffizielle Nationalhymne Australiens gehandelt wird: Down Under. Die Stimme war klar, die Melodie von der Sorte feel-good, der Text völlig bekifft. Und bekifft waren die Jungs damals, wenn sie ihre Songs schrieben, ich habe es gestern Abend aus erster Hand erfahren.


Colin Hay, seines Zeichens 1980-1985 Leadsänger der Gruppe Men at Work, hat viele Anekdoten auf Lager. Und er weiss sie zu erzählen. Unaufdringlich, selbstironisch. Meine zwei Lieblingsgeschichten von gestern Abend:

Colin Hay, der Star

1967 lebte er mit seinem Vater in Schottland. Eines Tages eröffnete ihm der Vater, dass sie beide nach Australien ziehen würden. Damit machte der Vater einen alten Traum wahr: To go, where the sun is shining. Colin Hay war damals 14 Jahre alt und sollte erst 16 Jahre später auf dem Zenit seines weltweiten Erfolgs in seine Heimat zurückkehren... I was the king of the world then, sagte er gestern mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Er suchte die alten Plätze seiner Kindheit wieder auf, die alte Schule, den Pausenhof. Er spürte die Entwurzelung, war melancholisch gestimmt, als ein kleiner schottischer Junge auf ihn zukam und ihn fragte: Are you Colin Hay? Der grosse Star schaute den Jungen an und antwortete ihm: Yes, I am. Der Junge nickte zufrieden und trottete davon.

Colin Hay und der Star

Viele Jahre später, so um das Jahr 2000. Colin Hay ist kein Star mehr. Natürlich lebt es sich von den Tantiemen formidabel. Er tritt immer noch auf. Ein kleiner Club in Los Angeles ist an diesem Abend seine Bühne. Er macht sich für den Auftritt bereit, als ihm eine schier unglaubliche Nachricht hinterbracht wird, so unglaublich, dass er sie zunächst wirklich für einen Scherz hält: Paul McCartney ist im Publikum. 

Hay vergewissert sich, geht hinaus und begrüsst Macca. Er sei müde, sagt ihm Paul, jetlaged. Just stay for two songs, bittet ihn Hay. Mit einem Augenzwinkern blickte er gestern bei dieser Stelle ins Publikum... Wir wüssten ja nun selber, wie lange es gehen könne, bis er fertig erzählt und mal zwei Songs gespielt habe... Doch zurück nach LA.

McCartney blieb das ganze Konzert. Mehr noch. Der Fixstern am Pophimmel ruft Colin Hay Tage später an:  I want to come to your place, man. Welch eine Ehre! Ob er ihm und seiner neuen Freundin denn etwas zu essen kochen soll. Ja, meint McCartney, das wäre nett. Wieder schaute Colin Hay gestern schelmisch ins Publikum und fasste seine Gedanken von damals in Worte: I am having Paul McCartney for dinner. 

Es gibt Reis, Bohnen, Gemüse - vegetarisch muss es ja sein. Nach dem Essen steht McCartney auf, räumt Teller und Besteck ab, trägt es in die Küche und räumt die Spülmachine ein. So I had another private moment for myself: Paul McCartney is doing my dishes. 

Yesterday

Colin Hay, der mit Men at Work in seiner kurzen grossen Zeit Stadien füllte, tritt seit vielen Jahren in kleinen Clubs auf, begleitet sich selber virtuos auf der Gitarre. Die Songs, die er nach Men at Work geschrieben hat, sind nicht mehr erfolgreich, dafür privat und anrührend. Immer wieder singt und spricht er von seinem Vater, der vor kurzer Zeit gestorben ist. 

Ich hatte mich vor dem Konzert von gestern gefragt, ob er auch seine alten Songs - immerhin feste Bestandteile jeder Oldies-Disco und gesetzt in meinem Soundtrack Of My Life - singen würde. Er sprach gestern - schon vor dem zweiten Song - über genau dieses Thema. Ja, die Leute seien unsicher, ob er die alten Sachen denn noch spiele. Antwort: Klar doch! I'm no fuckin' idiot. 




Donnerstag, 25. April 2013

Freiheit

Wohl kaum ein anderes Ereignis ist so sehr zum Sinnbild der 68-er Bewegung geworden wie das Musikfestival in Woodstock. Vieles lief chaotisch ab. Wer, wann, wie lange und was spielen sollte, war  eine Mischung aus Improvisation und Zufall. Wer, wann, wie lange gespielt hat und was gespielt wurde, daran kann sich - einem gängigen Bonmot folgend - niemand mehr erinnern, der wirklich dabei war. Der Dokumentarfilm gibt darüber nur bedingt Auskunft.

Wenn es auch nicht der erste Song war, der die neue Generation bei ihrer ersten Vollversammlung erreicht hat, so war es sicherlich der programmatischste: FREEDOM - Freiheit wurde verkündet. Dem Vernehmen nach eine eher hilflose Improvisation eines Sängers, der vor und nach Woodstock kaum von sich reden machte. Sein Name verband sich an jenem Augusttag 1969 für immer mit dem ländlichen Ort im Bundesstaat New York: Richie Havens.

Man muss sich das vorstellen: Rund eine halbe Million Menschen, nicht wenige von ihnen unter Einfluss diverser Drogen, warten darauf, dass die erste Gruppe zu spielen beginnt. Doch die kommt nicht, und so wird der eher unbekannte Richie Havens auf die Bühne komplementiert. Er singt einen Song, dann noch einen Song, irgendwann geht er zu Zugaben über, er singt Zugabe über Zugabe, weil die Veranstalter nicht wissen, wer nach ihm auf die Bühne soll. Hilflos singt er seine letzte Zugabe. Eben: Freedom.

Sometimes, I feel, like a motherless child. So muss er sich wirklich vorgekommen sein, schweissdurchtränkt, da draussen vor dieser Masse von Blumenkindern. Und irgendwie hilflos ist sich vielleicht die ganze  Generation von jungen Menschen vorgekommen, die mit den Werten und dem Lebensstil ihrer Eltern so radikal gebrochen haben und damit späteren Generationen den Weg zu mehr - jawohl - Freiheit öffneten. Denn so sehr man die 68-er für vieles zurecht kritisiert - ich möchte nicht zurück in die Zeit vorher. Um keinen Preis.

Richie Havens ist vor einigen Tagen an Herzversagen gestorben. Seine Botschaft lebt weiter. (Wo ist das Phrasenschwein?)




Freitag, 14. September 2012

Einladung

Die Statistikzahlen (ja, ich schaue sie immer noch an) zeigen mir, dass es doch einige gibt, die sich für mein Post über The Graduate interessiert haben und die sich vielleicht auch für meine geplanten noch ausstehenden Filmbesprechungen interessieren.

Auch die beiden Kommentare von Nemesisia und Verdita machen Lust, den nächsten Film bald in Angriff zu nehmen. Es handelt sich dabei um Brother Sun, Sister Moon (1972) von Franco Zeffirelli und Harold and Maude (1971) von Hal Ashby.

Allerdings muss ich beruflich noch etwas reinknien und Kreatives zustande bringen. Daher kann es noch etwas dauern. Für diese Zeit hätte ich allerdings einen Vorschlag: Wer möchte, kann sich ja die Filme in der Zwischenzeit schon mal ansehen, bzw. sie wiedersehen. Und zum Mitdiskutieren darüber auf meinem Blog sind alle herzlich eingeladen.


Mittwoch, 12. September 2012

The Graduate oder die Flucht aus der Plastikwelt

What about your future? I want it to be... different.
Ben Braddock ist 21 Jahre alt. Er hat einen ausgezeichneten College-Abschluss in der Tasche und sein Weg scheint vorgezeichnet: Er wird ein Studium an einer hoch gehandelten Universität ebenso glanzvoll absolvieren wie das College. Oder aber er tritt direkt in die Geschäftswelt ein, die ihm dank den Beziehungen seines Vaters den roten Teppich ausgerollt hat.

Auf jeden Fall wird er die Erwartungen seiner reichen Eltern erfüllen. Im Moment aber rollt Ben Braddock auf einer Rolltreppe, die keine Treppe ist, weil sie nur flach ist und keine Steigung bewältigt. Er soll von seinen Eltern am Flughafen abgeholt werden. Dazu erklingt eine Melodie, welche sich ins Gedenkbuch der amerikanischen Musik eingravieren wird, mit einem Text, der von Leuten spricht, die zwar hören, aber nicht zuhören, die reden, aber nichts zu sagen haben.



Der Mann, der Ben Braddock verkörpert, heisst Dustin Hoffman. Er zu dieser Zeit ein weitgehend unbekannter Schauspieler. Die Rolle des Ben Braddock wird ihn unwiderruflich in den Olymp der Hollywood'schen Schauspielergilde katapultieren. Dass er im Jahr des Herrn 1967 nicht 21, sondern schon 30 Jahre alt ist, verraten jene Szenen, in denen man ihn mit muskulösem nacktem Oberkörper im Hotelbett und am Swimmingpool sieht.

Doch zurück zu Ben Braddock. Auf der Party, welche die Eltern für ihr Hätschelkind ausrichten, und an welcher nur Freunde und Geschäftspartner der Eltern anwesend sind, wird Bens Widerstand gegen die in ihn gesteckten Erwartungen erstmals sichtbar. Diese Erwartungen bewegen sich nämlich innerhalb eines Wertesystems, das normal erscheint, aber absurd ist, weil es nicht um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht.

Dem Film gelingt es, die Hohlheit dieser Welt (talking without speaking, hearing without listening) geschickt zu entlarven, etwa in der berühmten One-Word-Plastics-Szene: Ben wird von einem der anwesenden Geschäftsmänner angesprochen und ihm wird auch gleich eine besondere Weisheit versprochen. Wer nach der melodramatischen Einleitung erwartet, jetzt käme eine Art väterlicher Rat zu den wirklich wichtigen Themen im Leben, wird wie Ben enttäuscht: Die Antwort lautet Plastik und ist nichts weiter als der Tipp, in die Plastikbranche einzusteigen.



Den Lobeshymnen, die über seine Zeit am College ausgeschüttet werden, entflieht er in sein Zimmer. In seiner Verweigerung, einen der ihm vorgegebenen Wege zu beschreiten, wird er zu einem Sinnbild der 68-er Generation. Auf die Frage seiner Eltern, wie er sich sein zukünftiges Leben denn vorstelle, hat er nur eine Antwort parat: different. Will sagen: nicht so wie eures.

Geniales Mienenspiel: Dustin Hofman erstürmt
den Schauspieler-Olymp
Nun konnte man auch 1967 in Hollywood nicht einen Film drehen, der sich lediglich um Verweigerungungshaltung und Gesellschaftskritik dreht. Darum musste eine Liebesgeschichte her. Und Sex.

Deshalb: Auftritt Mrs. Robinson. Sie ist wie viele andere Gast auf der Ben-Braddock-Party und spürt den sexuell unerfahrenen Ben (damals war man mit 21 noch sexuell unerfahren, those were the days!) in seinem Zimmer auf, überredet ihn, sie mit seinem neuen roten Flitzer nach Hause zu fahren und bietet sich ihm daselbst nackt zwecks Sammeln einschlägiger Erfahrungen an.

Natürlich dauert es nicht lange, bis Ben sich bei ihr meldet. So beginnt er seine Affaire mit der erfahrenen älteren Frau und tritt in ein Doppelleben ein, das ihn zwischen Elternhaus und Hotelzimmer hin und her switchen lässt.

Doch auch gegenüber Mrs. Robinson wird Ben aufmüpfig. Sex ist ihm nicht genug, er will reden, ist neugierig, stellt unangenehme Fragen, welche die schiere Verzweiflung hinter der Figur der Mrs. Robinson durchschimmern lassen.

Schiere Verzweiflung. Mrs. Robinson wird von
 ihrem jugendlichen Liebhaber
zur Lebensbilanz gezwungen.
Von seinen Eltern gedrängt, willigt Ben ein, Elaine Robinson, die Tochter seiner Liebhaberin, auszuführen. Damit setzt er sich über den Willen der Mutter Robinson hinweg.

Als Ben und Elaine sich ineinander verlieben, deckt sie ihre Affaire auf und stellt sie als Vergewaltigung dar. Elaine geht zurück an die Universität in Berkley und es steht auch schon ein stromlinienförmiger, genehmer Verehrer bereit, um sie zu heiraten.

Ben verlässt sein Elternhaus, um Elaine nach Berkley zu folgen. Und dazu erklingt die Melodie des englischen Traditionals Scarborough Fair, engelsgleich gesungen von Paul Simon und Art Garfunkel (zu den beiden guckst du auch hier und hier). Und weil Musik und Bilder so unglaublich schön sind.....



Die Schlussszene ist legendär. Ben findet heraus, wo die Hochzeit stattfinden soll. Zwar kommt er zu spät, die Jaworte sind gesprochen. Doch seinen verzweifelten Rufen (Ileeeiiiiiin!) antwortet Elaine schliesslich mit einem gellenden Bääääään!! Die beiden flüchten aus der Kirche und erwischen einen Bus, der sie vor der aufgebrachten Hochzeitsgesellschaft in Sicherheit bringt.


Und da sitzen sie nun, Ben und Elaine. Zuerst ist da die diebische Freude über den Coup, über den Mut, über das Gefühl, dem Gefängnis der Konventionen gerade noch entkommen zu sein. Doch dann folgt der grossartigste Moment im Film, der so viele grossartige Momente hat: die Ernsthaftigkeit kommt über die beiden.

Man fragt sich als Zuschauer unwillkürlich: Was kommt jetzt? Was haben Ben und Elaine den Konventionen entgegenzusetzen? Wird ihnen ein glückliches Leben gelingen? Werden sie das erträumte Leben haben, in welchem es um das geht, worauf es wirklich ankommt, anders als im Leben ihrer Eltern? Wissen sie überhaupt, was das sein könnte, das, worauf es wirklich ankommt? Oder holt sie die Plastikwelt, vor der sie sich zunächst erfolgreich im Fond eines Greyhounds in Sicherheit gebracht haben, irgendwann wieder ein?

Freitag, 31. August 2012

Typologie der Erotik

Auf dem Weg zu sich selber.
 James Wilby als Maurice Hall
Vor einiger Zeit habe ich eine Begegnung im Supermarkt zum Thema eines Posts gemacht, dem ich - mehr aus Intuition als aus Überlegung - den Titel Erotik gegeben habe. Die Reaktionen auf dieses Post haben mich - wie man so schön sagt - zum Nachdenken gebracht. Dass einen etwas zum Nachdenken bringt (besser noch: bringen sollte), war früher immer ein sicherer Wert für das Ende eines Schulaufsatzes. Doch hier soll es nun weitergehen.


Im Post Erotik reloaded habe ich dann in der Form eines fingierten Interviews versucht zu ergründen, welche Gedanken zum Thema Erotik bei mir angestossen waren und nun - Billardkugeln gleich - in meinem Kopf (also, der Kopf wäre dann der Billardtisch, ich weiss, das Bild hängt nun langsam etwas schief) umherrollten. Vollmundig versprach ich dann in einem Kommentar eine Typologie der Erotik, will sagen: nichts weniger als einen systematischen Überblick über die zwei sich gegenüberstehende Konzepte davon, was man als erotisch versteht.

Vereinfacht könnte man sagen, dass es um das Spannungsfeld zwischen Blümchensex und Hardcoreporno geht. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Der Hauptunterschied liegt meines Erachtens darin, dass bei der expliziten Erotik - wie ich es nennen möchte - eine erotische oder erotisierende  Wirkung ausdrücklich intendiert ist, während bei der impliziten Erotik das Erotische mitschwingt. Aber wie es sich für eine Typologie gehört, unternehme ich nunmehr den Versuch, die Unterschiede der beiden Erotikkonzepte einander systematisch gegenüberzustellen.





Die explizite Erotik

a. Als Erotik intendiert und inszeniert.
b. Rollenhaft
c. Die erotische Interpretation wird dem Betrachter aufgedrängt.
d. Den Menschen rein körperlich darstellend, auf primäre Geschlechtsmerkmale fokussiert.
e. Zielorientiert (Aufbau des Geschlechtstriebs, Befriedigung des Geschlechtstriebs)
f. Der Mensch ist aus anderen Kontexten losgelöst.
g. Idealisierend
h. Typisiert
i. Mechanisch
j. Suchtähnlich, das heisst: Die Wirkung verpufft mit der Zeit, die Dosis erhöht werden
k. Fetischiert
l. narzisstisch
Jill allein in Sweetwater


Die implizite Erotik

a. Nicht als Erotik intendiert und inszeniert.
b. Authentisch
c. Der Betrachter entdeckt die Erotik selber.
d. Den Menschen als Ganzes darstellend, auch den Körper als Ganzes.
e. Ohne vorgegebenes Ziel
f. Der Mensch ist ein in seinen verschiedenen Kontexten komplexes Wesen.
g. Realistisch
h. Individuell
i. Organisch
j. Nachhaltig
k. Mensch im Zentrum
l. harmonisch

Interviewer: Es gibt also eine schlechte und eine gute Erotik?

Castorp: Das will ich so nicht sagen. Aber es gibt Tendenzen in unserer Gesellschaft, die Kreativität und Individualität zurückdrängen.

Interviewer: An Stelle von?

Castorp: An Stelle von Konsum und Uniformität. Und davon ist auch die Erotik nicht verschont.

Interviewer: Sie haben zwei Fotos aus Filmen zur Illustration herangezogen.

Castorp: Genau. Aus Maurice und aus Once Upon A Time In The West. Filme erzählen uns etwas über Menschen, auch wenn es ein fiktive Menschen sind. Klar sieht Claudia Cardinale auf dem Foto auch objektiv gesehen gut aus. Aber die Erotik geht von der Rolle aus, die sie hat.

Interviewer: Jill, die ehemalige Prostituierte, die sich allein in einer Männerwelt durchsetzt.

Castorp: So ist es. Oder Maurice, der gegen die strengen Konventionen der Gesellschaft seine Homosexualität auslebt und damit zu sich selbst findet.

Interviewer: Während Hugh Grant als Clive sich selbst in den Konvetionen verliert.

Castorp: Ja, das ist eine Geschichte. Eine erotische Geschichte.

Interviewer: Was meinen Sie in der Typologie mit idealisierend?

Castorp: Das Körperliche hat in der expliziten Erotik makellos zu sein. Das drückt sich etwa im grassierenden Porno-Schick aus, dass Körper enthaart sein müssen, vor allem bei den im Fokus stehenden Geschlechtsteilen. Was man dann nicht sieht, sind zum Beispiel die Pickel vom Rasurbrand.

Interview: Erotik ist doch aber körperlich. Ohne schöne Körper keine Erotik.

Castorp: Ich sage ja auch nicht, dass die explizite Erotik keinen Wert hat. Aber das Körperliche ist in den letzten Jahren überwertig geworden. Diese stete Beschäftigung mit dem eigenen Körper! Und dann stets defizitorientiert: Da ist die Nase zu lang, dort der Busen zu klein, da ist wieder ein Bad-Hair-Day, hier sind die Beine zu dick. Ich kann es nicht mehr hören!

Interviewer: Da erinnere ich mich an an frühes Post über die Miss Schweiz.

Verschobene Wahrnehmung: """Dicke""" Oberschenkel bei Miss Schweiz

Castorp: Genau. Die Beine seien "gräuslich", wurde da kommentiert. He, das sind ganz normale Frauenbeine! Endlich mal bei einer Misswahl, bin ich versucht zu sagen.

Interviewer: Wie erklären Sie Überwertigkeit des Aussehens?

Castorp: Ein Schuss ins Blaue: Der Versuch, von innerer Leere abzulenken.

Innere Leere?


Mittwoch, 29. August 2012

Danke

Ich möchte mein Schweigen hier kurz unterbrechen für ein unangekündigtes Post. Es geht mir darum, mich ganz herzlich zu bedanken für die Reaktionen, die ich nach meiner Ankündigung, das Bloggen demnächst einzustellen, erhalten habe. Insbesondere danke ich der schwarzen Katze für den Preis, den sie mir zugesprochen hat.

Es wäre nämlich gelogen, wenn ich sagen würde, dass mir diese Reaktionen nicht geschmeichelt hätten. Sie zeigen mir, dass einige doch ein bisschen an meinem Geschreibe hängen und etwas draus für sich herausziehen können. Das ist sehr schön und stimmt mich glücklich.

Es ist ja nicht so, dass ich mit dem Bloggen aufhören werde, weil ich Bloggen nun plötzlich doof und nutzlos fände. Darin liegt ja gerade die Crux bei all diesen kleinen und grösseren Verpflichtungen, die man im Leben eingeht. Nichts davon ist normalerweise blöd und kann man einfach so wieder weglassen. Meine Lesegruppe gehört in diese Kategorie, diese oder jene Leute, die man schon lange einladen wollte, ein Massagekurs mit der Ehefrau, das Fussballspiel morgen Abend, das ich im Stadion sehen könnte, die Gitarrenlektionen, ich könnte hier noch mehr aufzählen.

All das ergibt zusammen einfach zuviel. Was sich eigentlich gut anfühlt, wird zum Ballast. Ich merke es an meiner inneren Unruhe, an zwischenzeitlichen Gefühlen von Verzweiflung, wenn mir alles über den Kopf zu wachsen scheint, mein Gefühl der Lähmung, wenn sich diese Verzweiflung einstellt und die Müdigkeit, die oft schon mittags kommt.

Aber ich trenne mich wie gesagt ja nicht leichten Herzens vom Bloggen. Ich erwische mich im Alltag dabei, wie ich zwei Zeitungsartikel (der Tod von Neil Armstrong und der Paradigmenwechsel des amerikanischen Klimaforschers Richard Muller) lese und sie in einem Aufsatz miteinander verbinden möchte. Ok, das wäre dann einer jener Beiträge gewesen, die im virtuellen Bloggerdorf wieder wenig Resonanz gefunden hätte.

Denn ja, chat noir sieht das schon richtig: Wir bewegen uns hier in einem Dorf, und wie es in einem Dorf halt so ist: Die klimapolitischen Ansichten des Nachbarn interessieren weniger als der Klatsch und Tratsch, den er (mal freiwillig, mal unfreiwillig) liefert. Und zum Dorfleben würde es auch gehören, dass ich als Nachbar auch Interesse an anderen Blogs zeige. Dazu fehlt mir aber definitiv die Zeit.

Das sind die Überlegungen, die mich am Abschied in Raten festhalten lässt. Nochmal: In Raten deshalb, weil mir einige Post-Ideen sehr am Herzen liegen und ich sie mir von der Seele schreiben möchte. Nicht, weil ich meinen Abschied melodramatisch inszenieren will. Das Post über die Typologie der Erotik macht übrigens ermutigende Fortschritte.

Bis bald also

Castorp

Mittwoch, 22. August 2012

Abschied auf Raten

Viele Staaten dieser Welt befinden sich momentan in der Klemme. Nein, nein, ich meine nicht Staaten wie Somalia, Nigeria oder Nordkorea, wo Menschenrechte inexistent sind und Menschen verhungern, nein, ich meine die "normalen Staaten", die unter der Schuldenlast von Millionen, Milliarden und ... was kommt nochmal nachher?.... leiden. Diese Staaten müssen jetzt sparen.

Ähnlich geht es mir. Ich habe Schulden angehäuft in den letzten Wochen, Monaten, Jahren. Nicht finanzielle Schulden, Gott bewahre, aber Zeitschulden. Die Aufgaben, die Verpflichtungen, die sich in der Vergangenheit angesammelt haben (ok, ja, sie haben sich nicht selber angesammelt...) , konnte ich nicht durch den Abbau von anderen interessanten, aber zeitfressenden Beschäftigungen kompensieren. Also, ich hätte wohl können, aber ich habe es nicht gemacht.

Nun ist aber sozusagen Notstand ausgebrochen. Mein Zeitmanagement ist aus dem Ruder. Wenn zu Hause das Telefon klingelt, möchte ich wieder neugierig sein und mich fragen, wer wohl am anderen Ende der Leitung ist. Momentan überkommt mich immer die angstvolle Frage: Was habe ich wieder vergessen? Welcher Freund, den ich vernachlässigt habe, ruft wohl jetzt wieder an?

Eine dieser Beschäftigungen, die vor noch nicht ganz einem Jahr mein Leben bereichert, aber auch belastet hat, ist das, was ich im Moment tue: Bloggen. Oft habe ich das Schreiben genossen. Manchmal ist mir mein Blog aber auch zur Last geworden. Diese Momente haben sich in letzter Zeit immer mehr gehäuft. Darum werde ich aufhören zu bloggen. Der Plan war, am 7.September mein Abschieds-Post aufzuschalten, genau ein Jahr nach meinem ersten Post. Doch ich weiss nicht, ob es das bis dahin schaffe. Oder doch... Ich weiss, dass ich es bis dahin nicht schaffe. Es gibt da nämlich noch Posts, die ich mir vorher noch von der Seele schreiben muss. Und bis es soweit ist, bleibe ich hier auf Sendung, wenngleich die Posts ja schon jetzt spärlich fliessen.

Bevor ich hier aber meinen Abschied gebe - hier eine kleine Vorausschau auf das, was noch ansteht. Coming soon, sozusagen.

1. Die im Kommentar versprochene Typologie der Erotik. Wer den Begriff googelt (habe ich getan, vielleicht hat ja schon mal jemand darüber geschrieben und es auch so genannt) stösst auf Astrologisches. Definitiv nicht mein Feld.

Wie man sieht, gibt es noch sinnentleertere Methoden, Zeit zu investieren.....

2. Drei Filme, ein Thema. Und warum diese Filme mein Leben geprägt haben.





3. Das letzte Album der Beatles. Warum die Beatles nicht die beste Band aller Zeiten waren und warum bis heute immer noch jeden Tag Hunderte (hunderte?) von Leuten im Gänsemarsch einen Zebrastreifen in London überqueren und sich dabei fotografieren lassen.



4. Musikalischer Showdown, Abschiedsworte



Bis mehr oder weniger bald, aber nicht mehr lange

Castorp

Montag, 13. August 2012

Erotik reloaded

Interviewer: Das soll erotisch gewesen sein?

Castorp: Ja. Schön übrigens, Sie wieder einmal zu sehen.

Interviewer: Das Vergnügen ist ganz meinerseits. Was war daran erotisch? Sie sehen einer Frau beim Einkaufen zu, verfolgen sie und verlieren sie aus den Augen.

Castorp: Nehmen wir doch die Frage von Perdita auf. Was hat sie von anderen Frauen abgehoben?

Interviewer: Ich lehne mich zurück, da Sie ja auch noch das Fragen übernommen haben.

Castorp: Das Erotische war primär  das Unbeabsichtigte. Dass gerade sie es war, entsprang einem Zufall. Sie war "mein" Typ. Das heisst, sie war in meinen Augen ein Hingucker. Die langen Haare vor allem. Ein interessantes Gesicht. Für viele andere Männer (oder Frauen) mag sie mässig interessant gewesen sein.

Interviewer: Also ging es doch um Äusserlichkeiten?

Castorp: Ja und nein. Es war auch das, was man gemeinhin die Ausstrahlung nennt. Und die Situation.

Interviewer: Die Situation?

Castorp: Ja. Sie war überhaupt nicht erotisch angelegt. Es war ein Einkaufszentrum. Ich war im Stress, weil ich Zwiebeln brauchte, die ich zu Hause nicht hatte. Und meine Gedanken kreisten noch um etwas ganz anderes. Sie hatte wohl Feierabend. Und vor allem: Sie hatte es nicht auf Erotik angelegt. Sie war gut gekleidet, eher ein bisschen konservativ-verschlossen vom Stil her.

Interviewer: Eine nicht-erotische Situation ist also erotisch?

Castorp: Eine nicht-erotische Situation hat die Chance, erotisch rüberzukommen. Was ich zutiefst unerotisch finde, sind so genannte erotische Situationen.

Interviewer: Die Frau in Reizwäsche?

Castorp: Zum Beispiel. Reizwäsche ist darauf angelegt, erotisch zu wirken. Reizwäsche ist Manipulation. Ich verabscheue Manipulation.

Interviewer: Sie reagieren also nicht auf "plumpe" erotische Reize?

Plump und phantasielos. Offensichtlicher
erotischer Reiz
Castorp: Was heisst nicht reagieren? Doch, ich reagiere schon. Aber diese simplem Reize - erotische Bilder und Pornos verbrauchen sich. Es ist wie mit einer Droge. Irgendwann hat man das Gefühl, dass man das braucht, um in Stimmung zu kommen. Und dass man die Dosis erhöhen muss. Oder der Stoff muss härter werden. So erkläre ich mir auch diesen ganzen Sado-Maso-Krimskrams, der im Moment gerade so waaahhhnsinnig erotisch sein soll.

Interviewer: 50 Shades of Grey?

Castorp: Ich habe dieses Buch nicht gelesen und ich kann darüber kein Urteil abgeben. Aber ein Buch, das sich als "erotisch" ankündigt, hat gute Chancen, auf mich nicht erotisch zu wirken.

Interviewer: Auf andere schon.

Castorp: Offenbar. Obwohl ich denke, dass da auch ein gerüttelt Mass Herdentrieb dabei ist. Wenn etwas medial gepusht ist, dann wird das von vielen konsumiert und vordergründig für gut, aufregend befunden. Man will ja dazugehören, vor allem wenn es um Erotik geht. Niemand will als prüde dastehen. Vielleicht reden sich viele Frauen da nur ein, dass sie das erotisch finden. Aber wer weiss, vielleicht finden einige das ja wirklich erotisch.

Interviewer: Was sind das für Leute?

Castorp: Ui, bringen Sie mich bitte nicht zum Psychologisieren.

Interviewer: Ok, Eine Leseprobe.... nach Zufallsprinzip von Dornröschen abgekupfert.

Castorp: Danke, Dornröschen!

Interviewer:  "Tief durchatmen, Anastasia, tief durchatmen. Ich stelle dich jetzt wieder auf die Füße", verkündet er und schiebt mich sanft weg.
NEIN! schreit mein Unterbewusstsein auf, als er sich von mir löst. Plötzlich fühle ich mich sehr einsam. Seine Hände liegen auf meinen Schultern; ich bin eine Armeslänge von ihm entfernt. Er beobachtet aufmerksam meine Reaktion. Und nur ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Ich wollte geküsst werden, habe das verdammt offen gezeigt, und er hat`s nicht getan. Er begehrt mich nicht.

Castorp: Ein bisschen zu viele Adjektive. Und "Anastasia".... das ist niveaulos. "verkündet er"... ok, das kann ein Übersetzungslapsus sein. "Das Unterbewusstsein schreit auf". Ach du liebe Güte!

Interviewer: Und sonst?

Castorp: Was soll ich sagen? Die Passage ist darauf angelegt, erotisch zu sein. Das nehme ich ganz anders wahr, als wenn sich Erotik beim Lesen sozusagen einschleicht.

Interviewer: Geben Sie doch einmal ein Beispiel:

Castorp: "In den nächsten zwei Stunden achtete Denise in erster Linie auf ihre Hand, die sie in bequemer Reichweite von Robins Hand auf das Sofakissen gelegt hatte. Die Hand fühlte sich dort nicht wohl, sie wollte zurückgezogen werden, aber Denise war nicht bereit, das mühsam erkämpfte Terrain wieder aufzugeben."

aus Jonathan Franzen: Korrekturen

Interviewer: Was macht diese Textstelle erotisch?

Castorp: Denise ist eine geschiedene Frau, um die dreissig Jahre alt, beruflich äusserst erfolgreich. Mit Sex hatte sie bisher nicht viel am Hut. Seit ihrer Scheidung entdeckt sie nach und nach ihre Homosexualität. Eine kurze Affaire blieb noch ohne grosse Konsequenzen. Doch Robin, ihrerseits verheiratet, ist eine ungeheuerliche Versuchung. Man spürt in dieser Szene die Unsicherheit und das Verlangen zugleich. Das macht es besonders. Ausserdem spüre ich bei Franzen Humor. Der fehlt in diesen explizit erotischen Produkten in der Regel völlig. Und es ist eben kein erotischer Roman, obwohl Sex und Erotik eine wichtige Rolle spielen. Aber nicht die einzige. Es geht in dem Roman um Idealismus, und darum, wie man die Realität korrigiert (daher der Titel), wenn sie nicht dem Ideal entspricht. Oder auch um Irrtümer im Leben, die man zurecht korrigiert.

Interviewer: Kommen wir noch einmal zurück zu ihrer erotischen Begegnung. Was war diese Begegnung denn für Sie?

Castorp: Eine Begegnung eben. Nein, nicht einmal das. Es war einfach eine Überraschung, dass das zu diesem Zeitpunkt kommt. Meine beste Freundin hat sich von mir abgewendet, und das hat mich niedergeschlagen gemacht. Das tut es auch heute noch. Doch da war aus heiterem Himmel für ein paar Minuten diese ausgelassene Stimmung. Aus dieser Stimmung heraus habe ich die Frau auch beobachtet. Diskret, glauben Sie mir! Ich bin sogar diskret, wenn ich gar nicht diskret sein sollte. Ich hätte diese Frau nie im Leben angesprochen oder sonstwie versucht, mit ihr in Kontakt zu kommen. Ich kenne diese Frau nicht und will sie auch nicht kennenlernen.

Interviewer: Sie haben ein bisschen hinter die Fassade geschaut....

Castorp: Ja, ihr Einkaufskorb. Beziehungsweise dessen Inhalt. Das war sehr speziell. Da habe ich mich einen Augenblick lang gefragt, wer sie ist. Wer kauft eine halbe Stunde vor Ladenschluss noch diese Süssigkeiten ein? Und sonst gar nichts?

Interviewer: Wir werden es nie erfahren.

Castorp: Wahrscheinlich nicht. Und daran liegt auch ein Teil der Erotik. Diese Begegnung liess der Phantasie Raum.

Mittwoch, 8. August 2012

Erotik

Im vielleicht berühmtesten französischen Chanson klingt alles natürlich besser. ER spazierte durch die Avenue, sein Herz offen fürs Unbekannte, er hatte Lust, jemandem Guten Tag zu sagen. Irgendjemand, das war .... sie. Dann gehen die beiden noch in ein obskures Lokal um die ganze Nacht  zu singen und Musik zu hören und am nächsten Morgen sind sie ein Liebespaar. Musik ab!




Beim ollen Castorp ist alles viel prosaischer. Es begann damit, dass ich keine Zwiebeln im Haus hatte, die ich fürs Vorkochen für den nächsten Tag dringend benötigte. Also stieg ich aufs Velo, liess die Räder den Hügel hinunter fahren und betrat meine Stamm-Migros. Sie hatte soeben die Rolltreppe betreten. Sie war schön. Wunderschön.

Sie anzusehen, bereitete mir Vergnügen. Wie hätte mein Blick gewirkt, hätte sie ihn denn wahrnehmen können? Verschmitzt neugierig? Versunken? Verlegen, wenn sie mich ertappt hätte?

Ich liess sie vorangehen, besorgte mir einen Einkaufswagen, ihr lässig einen Vorsprung lassend. Ich würde sie schon wieder einholen. Wahrscheinlich schon bei den Früchten und dem Gemüse, wo ich auch meine Zwiebeln finden würde. Mais non! Elle n'y était pas!

Ich beschleunigte meine Schritte, konnte sie erst wieder im Bereich der Tiefkühlprodukte abfangen. Ich heuchelte Interesse an Ofenfrites und schielte weiter in ihre Richtung. Wieder entschwand sie, ich liess einen Sicherheitsabstand und fand sie erst wieder bei den DVD's. Sie nahm heraus, las, legte zurück und ging zur Kasse 7.

Die Kasse 8 nebenan stellte ihren Betrieb eben ein. Ich tat so, als bemerkte ich es nicht, spielte den Überraschten und reihte mich hinter ihr bei Kasse 7 ein. Ein Blick auf ihre Einkäufe gab mir zu denken.


Zweimal

Schöne Unbekannte... Hat dein Freund für dich gekocht und du bringst das Dessert mit? Isst du diesen Junk heute Abend, wenn du Olympia guckst, weil dir die DVD nicht gefallen hat, die du in den Händen hattest? Hast du dich für deinen heutigen Essanfall eingedeckt? 

Ich verfolgte sie bis zur Rolltreppe. Ein bisschen bemerken solltest sie mich schon noch. Ich lief die Rolltreppe hoch, spielte den Eiligen, bis fünf Stufen hinter ihr. Dann stellte ich mich gemütlich hin, sie sah mich leicht irritiert an. Draussen schloss ich mein Velo auf, liess ihr Vorsprung. Mein Vorsatz: Sie verfolgen, so lange es ging, will sagen, solange es nicht peinlich wird. 

Wird sie in den Bus einsteigen? Nein, sie geht an der Bushaltestelle vorbei. Wohin nur? Ins Wohnquartier? Oder weiter der Hauptstrasse entlang? Ein Bus hielt den Verkehr auf, auch mich. Dann sah ich sie nicht mehr. Ich spekulierte noch auf die Variante Hauptstrasse, doch sie war weg. 

Adieu, belle inconnue! 



Dienstag, 7. August 2012

Life Questions

Gibt es etwas vergänglicheres als Überzeugungen? Sport ist Mord dachte ich als pubertierender Schnösel. Heute mit meinen 45 Jahren ziehe ich körperliches und geistiges (!) Wohlbefinden aus Jogging und neuestens aus Krafttraining. Wie ich damals diese Muskelstählinstrumente verachtet habe!

Ich werde nie heiraten! Auch das war einmal eine Überzeugung von mir. Kinder? Ich? Nein! Das Ergebnis ist den regelmässigen Leserinnen und Lesern dieses Blogs bekannt. Und so sind noch so manche Überzeugungen aus vergangenen Tagen dahingeschmolzen.

Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass zwei wichtige geblieben sind: ökologischer und emanzipatorischer Art. Und ich lebe auch heute nach diesen Überzeugungen, anders als viele andere, die damals diese Überzeugungen teilten, heute aber weit davon entfernt sind.

Lebensbilanz delegiert: Das Jüngste Gericht bei der Arbeit
Worunter ich manchmal leide: Ich habe keine Überzeugung davon, was ein geglücktes Leben ist. Gläubige Menschen outsourcen diese Frage an das Jüngste Gericht. Der Erfolg des Lebens misst sich am Einzug ins Paradies. Oder in der Vermeidung von Fegefeuer und Hölle. Die Anleitung dazu: Folge den Geboten, zumindest so gut es geht! Was nicht gegangen ist, wird gebeichtet, entweder dem Priester oder direkt dem Chef.

Nur, was bleibt da den Nicht-Gläubigen unter uns? Woran soll ich mein Leben einmal messen? Habe ich mein Potenzial im Leben ausgeschöpft? Wie bin ich mit anderen Menschen umgegangen, als Sohn, als Ehemann, als Vater, vielleicht einmal Grossvater? Als Freund ..... Habe ich mich entfaltet oder mich von Zwängen einengen lassen? Oder war ich umgekehrt egoistisch und selbstsüchtig und habe verbrannte Erde hinter mir gelassen?

Wie messe ich das alles? 

An der Menge von Geld, die ich verdient habe?

An der Menge derjenigen Menschen, zu deren Glück ich beigetragen oder die ich enttäuscht habe?

An der Menge von Frauen, mit denen ich geschlafen habe? An der Anzahl Orgasmen (eigene, andere)? Oder deren Intensität?

Vorgetäuschtes Glück. Meg Ryan in When Harry Met Sally



Donnerstag, 2. August 2012

Gedanken zum 1.August

Gestern war der Schweizer Nationalfeiertag. Freie Bürger, die sich lauthals über zu hohe Krankenkassenprämien beklagen, feuerten Hunderte von Schweizer Franken innerhalb weniger Minuten in Form von Feuerwerkskörpern in die Luft, Tonnen von importiertem Billigfleisch wurde über dem Grill gebraten. Was macht es überhaupt für einen Sinn, ein Land zu feiern?

Um diesen Überlegungen gleich eine unerwartete Wendung zu geben: Auch ich habe gestern Abend Feuerwerkskörper in die Luft gejagt (bzw. das In-Die-Luft-Jagen von Feuerwerkskörpern beaufsichtigt) und Fleisch über dem Grill gebraten. So viel zum privaten Kram. Trotzdem mache ich mir jedes Jahr meine Gedanken zum Sinn dieser Veranstaltung und dazu, was meine Nationalität mit meiner Identität zu tun hat.

Denn nein, ich bin kein Weltbürger. Ich weiss zwar sehr gut um das Verbindende zwischen den Menschen verschiedener Kulturen, weil ich beruflich mit vielen verschiedenen Kulturen zu tun habe. Ich wäre aber ein anderer, wäre ich in Neuseeland, auf den Fiji Inseln oder in Somalia auf die Welt gekommen. Ja selbst wenn ich Deutscher wäre, wäre ich ein anderer. Bei meiner Berlin-Reise konnte ich wieder einmal beträchtliche kulturelle Unterschiede zwischen mir und den dortigen "Eingeborenen" feststellen.

Ich fühle mich wohl als Schweizer. Ich mag es, eine Nationalität zu haben, die nicht automatisch auf meine Muttersprache schliessen lässt. In einem Land zu leben, das - je nach Kanton - eine mehr oder weniger lange gefestigte direktdemokratische Tradition hat. Gut, heute lebe ich in einem Kanton, der diesbezüglich eher ein Spätzünder war und in welchem das Aristokratische immer in der Gesellschaft nachhallt.

Und schliesslich lebe ich in einem Land, das 50 Jahre lang ohne einen Nationalfeiertag ausgekommen ist. Erst unter dem Druck des aufkommenden Nationalismus allüberall in Europa hat man sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch im 1848 gegründeten Bundesstaat Schweiz bemüssigt gefühlt,  ein auf den Anfang des Monats August datiertes Dokument aus dem Jahr 1291 als Grundlage für unseren Nationalfeiertag zu erklären. Und auch ich werde, wie meine Vorfahren der Gründerzeit, auf das Feiern am Nationalfeiertag verzichten können, wenn die Kinder erst einmal grösser sind. Nicht aus Undank oder Snobismus. Sondern einfach, weil ich das nicht brauche.

Bundeshauptstadt mit aristokratischer Tradition: Bern am 1. August





Dienstag, 31. Juli 2012

Wenn wir andern weh tun

Ist es das, was passiert ist, als "Gott" den Menschen aus dem Paradies vertrieben hat? Dass wir nicht umhin kommen, anderen Menschen weh zu tun? Selbst dann, wenn wir guten Willens sind (und das sind wir meistens alle) gelingt es uns nicht, durchs Leben zu gehen und dabei andere nicht zu verletzen.

Schon als Kinder sind wir gemein zu Geschwistern, Freunden, ja unseren Eltern (zu denen ganz speziell).  Wir nehmen unsere Mitmenschen und deren Gefühle zu wenig wahr. Dazu kommt, dass wir anderen zu oft die Schuld geben, weil wir selber uns doch für gute Menschen halten.

Das sind wir auch, die meisten von uns sind wirklich gute Menschen, aber auch gute Menschen sind fehlbar. Sie sind nicht perfekt. Das macht sie zwar liebenswert, aber manchmal auch nervig bis unausstehlich.

Doch eines können wir tun. Je mehr wir mit uns selber im Reinen sind, desto nachsichtiger sind wir mit unseren Mitmenschen. Darum sollten wir nie müde werden, uns selber besser kennenzulernen.

Siehe auch: http://schattentaenze.wordpress.com/2012/08/02/anderen-weh-tun/


Donnerstag, 19. Juli 2012

Sentimental Journey

Dreimal im Jahr - wenn es gut kommt - begebe ich mich aus meinem Alltag hinaus und unternehme allein eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln meines Landes. Tradition hat das im Februar, wenn oft schon eine Frühlingssonne spürbar ist. Jedoch nicht in diesem Jahr, als es der kälteste Tag war, den man seit langer Zeit erlebt hat und ich in Basel schier zur Eisleiche wurde.

So gesehen bot es sich an, für den Sommerausflug eine Ausnahme zu machen. Ich begab mich auf eine Sentimental Journey, und das - Achtung, es kommt gleich - nicht allein, sondern in Begleitung. Ich wollte gestern - an diesem wundervollen Sommertag - dahin zurück, wo ich so viele Sommertage in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe.

Meine Eltern haben nicht viele Fotos gemacht. Dasjenige, das mich als dreijährigen Knirps sitzend auf einem Stein zeigt, ist eine Ausnahme. Das Bild stand dann jahrelang eingerahmt im Wohnzimmer meiner Eltern, sodass es mich durch meine ganze Kindheit und Jugend begleitet hat. Entstanden ist es vor langer Zeit, an einem weitgehend unbekannten, aber zauberhaften Aussichtspunkt ganz in der Nähe des Hauses, in welchem zwei alte Tanten wohnten, bei denen ich meistens mit meinem Vater Sommerferien verbrachte. Er wird es wahrscheinlich auch gewesen sein, der mich vor etwas mehr als 40 Jahren fotografiert hat.

Mein Vater lebt nicht mehr. Um ein Foto von mir an gleicher Stelle anzufertigen und weil Sentimental Journeys mit Vorteil nicht allein unternommen sein wollen, kam Rosalie mit auf die denkwürdige Reise. Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie meinen Egotrip begleitet, mit mir gesprochen und oft auch mein nachdenkliches Schweigen respektiert hat.

Die Zeit ist etwas sehr Wunderliches. Sie verbirgt Ereignisse, die noch nicht geschehen sind und sie deckt Ereignisse, die vergangen sind, mit viel Staub zu. Sie entfremdet uns das Vergangene, lässt sie zusammenschrumpfen zu Stimmungen, Gerüchen, Melodien, vielleicht auch Wortfetzen.

Und irgendwann ist auch das Vergangene wieder vergessen und hat aufgehört, zu existieren. Denn wer wird in ferner Zukunft noch wissen, was dieser Stein mitten auf einer Wiese für mich einmal bedeutet hat?

Foto and Artwork by ROSALIE

Sonntag, 15. Juli 2012

Berlin, Berlin, ich war jetzt in Berlin.

Die Berlinreise ist Geschichte - Staub im Wind. Mein Programm. Also, was heisst mein Programm? Unser Programm. Ich war nämlich nicht alleine in Berlin. Mein Programm würde anders aussehen. Zum Beispiel würde ich Patty Smith live hören und sehen wollen und ungehörige Dinge tun, die mir ultimativ verboten wurden, aber davon später.

Also... UNSER Programm:

Samstag: Wohnungsbezug in Schönefeld, Abendessen in einem italienischen Restaurant. Meinem Kleinen habe ich erklärt: Wir sehen dann eine Kirche, die ist noch kaputt vom Krieg. Ich mag die Gedächtniskirche. Und der Ort, an der sie steht. Dort, wo der Kudamm beginnt, wo das KaDeWe in der Nähe steht, dort wo der Kommerz abgefeiert wird, dort steht dieses Wrack, das daran erinnert, dass es mal andere Zeiten gab. Doch leider....

Die Gedächtniskirche - versteckt unter einem Gerüst

Sonntag: Das Übliche, will sagen. Fernsehturm, Medikamente für kranken Reisebegleiter (Mittelohrentzündung) am HB besorgen, Regierungsviertel, in meiner Botschaft mal kurz Hallosagen (kleiner Scherz, ich hab da nicht geklingelt), Potsdamer Platz, daselbst Ice Age 4 in 3D, einkaufen, Spaghettikochen.

Ich war drin
Montag: Zooooo. Und erst noch zu Fuss dahin. Ich war allerdings sowas von müdemüdemüde. Sekundenschlaf auf einer Sitzbank. Zwischenfrage: Mischt man im Berliner Zoo dem Ameisenbären Drogen ins Futter?

Ameisenbär, extatisch

Dienstag: Weiter ging es mit Kinderprogramm. Tussauds unter den Linden. Ich wollte schon immer einmal ein Foto mit Alice Schwarzer machen. Keine Ironie. Wirklich. Ich würde auch sehr gerne mit Alice Schwarzer essen gehen. Und diskutieren. Kurzentschlossen kehren wir in unsere Ferienwohnung zurück, nehmen unsere Badesachen und steuern wir Krumme Lanke an. Und siehe da: Männlein, Weiblein, jung und alt, circa ein Drittel der Leute, badet und sonnt sich unbekleidet. Ich hätte auch Lust, doch Kinder können sowas von konservativ sein.



Mittwoch: Shopping am und um den Kudamm. Wiederum von den Kindern gewünscht. Das Auge isst mit, heisst es für die viel gerühmte Feinkostabteilung des KaDeWe. Ich liebäugle mit einem blau-weiss gestreiften Hemd, das mich wie Brian Wilson 1963 hätte aussehen lassen. Ich kaufe es dann doch nicht. Das Überangebot an Kommerz züchtet in mir Verweigerungshaltung. Lieber wäre ich an die Krumme Lanke nacktbaden gegangen.



Donnerstag: Am Vorabend habe ich noch entdeckt, dass es am Kudamm, etwas weiter weg, eine Gedenkplakette für den dort niedergeschossenen Rudi Dutschke gibt. Ich würde den Ort gerne aufsuchen, komme aber nicht dazu und werde auch den Rest der Ferien nicht dazu kommen. Stattdessen Filmpark in Babelsberg draussen. Die Kinder sind happy.

Stuntshow im Filmpark


Freitag: Seit geraumer Zeit immer wieder mal vorgeschlagen, doch stets ignoriert, wollen die Kinder nun doch etwas Kultur. Der Kleine mit Mama ins Neue Museum, um die Nofretete zu sehen. Ich mit den Grossen zur Gedenkstätte Berliner Mauer. Leider gibt es Probleme im U-Bahnverkehr ab Bahnhof Friedrichstrasse. So kippen wir unser Programm und besuchen den Checkpoint Charlie.



Samstag: Alles hat ein Ende, auch so ein Berlinaufenthalt. Und zurück geht es, von Hauptstadt zu Hauptstadt.